Freitag, 11. August 2017

Tipp zum Selbständig machen in den USA: Kauf einer Franchise

Viele Fast Food Restaurants, Hotels, Tankstellen und andere Service-Betriebe in den USA werden als franchises betrieben, d. h. sie haben individuelle Betreiber, die gegen Gebühren die Markennamen, Geschäftspraktiken und Zuliefermöglichkeiten von landesweit bekannten und erfolgreichen Unternehmen wie McDonald’s, Days Inn, BP oder 7-Eleven, aber auch von kleineren bzw. eher regionalen Firmen nutzen.

Das Betreiben einer franchise ist eine attraktive Geschäftsmöglichkeit, denn man bietet erprobte Produkte und Dienstleistungen unter einem bekannten Namen an. Die Mutterunternehmen schulen die Betreiber und übernehmen zudem die Werbung für die Marke. Auch die Finanzierung ist oft einfacher, da die Banken das Risiko hier recht gut einschätzen können.

Die Anfangsgebühren für das Recht, eine franchise zu eröffnen, und die fortlaufenden Betreiber-Gebühren können sich je nach Unternehmen sehr stark unterscheiden. Der Bau bzw. das Mieten von Gewerberäumen und die Ausstattung müssen nach den Richtlinien des Markenbesitzers erfolgen und die Kosten dafür ebenfalls vom Betreiber aufgebracht werden. Es gibt franchises, bei denen nur 30.000 Dollar Startkapital notwendig sind, und bei anderen muss man eine halbe Million Dollar investieren. Zudem gibt es geographische Einschränkungen, da die Unternehmen darauf achten, dass es nur eine franchise für einen bestimmten Einzugsbereich gibt. Das ist natürlich auch im Interesse der jeweiligen Betreiber.

Einen guten Überblick über verfügbare franchises, nach Industrie, Startkapital und Bundesstaat geordnet, kann man sich auf www.franchiseopportunities.com verschaffen.

Jetzt kaufen!Aus: Alltag in Amerika: Leben und Arbeiten in den USA

"Für alle, die mit dem Gedanken spielen, eine Zeit lang in den USA zu leben, wird das Buch eine nützliche Vorbereitungslektüre und dann vor Ort ein treuer Ratgeber sein." n-tv.de

Das Buch enthält viele weitere Informationen zum Thema Selbständig machen in den USA.

Dienstag, 23. Mai 2017

Spurensuche: Deutsche Einwanderer in Chicago

Um 1890 bestand ein Drittel der damals eine Million Einwohner zählenden Stadt Chicago aus deutschen Einwanderern. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, insbesondere etwas abseits vom Zentrum, wird hin und wieder Spuren entdecken, die von den Deutschen in Chicago hinterlassen wurden.

Ich wohne seit zwei Jahren in Chicago und habe in dieser Zeit den Auswanderer-Roman Mit Müh und Not geschrieben, der 1886 in dieser Stadt spielt. Deshalb achte ich bei meinen Streifzügen besonders auf Spuren deutscher Auswanderer im 19. Jahrhundert. Hier ist eine Auswahl:

Die Kirche St. Michael wurde 1869 von deutschen Katholiken gebaut. Als einziges Gebäude im Stadtteil Old Town überstand sie den großen Stadtbrand des Jahres 1871 und bis 1885 war sie das höchste Bauwerk in Chicago:

St. Michael Katholische Kirche Chicago

Diese evangelische Kirche an der Ecke von Dickens Avenue und Fremont Street wurde 1916 von deutschen Einwanderern gebaut:

Evangelische Kirche Chicago

Deutsche Kirche Chicago

Der Turnverein Lincoln wurde 1885 gegründet und bestand bis 1994:

Turnverein Lincoln Chicago

Deutscher Turnverein Chicago

Der Germania Club, ein Verein deutscher Einwanderer, hat dieses Gebäude 1889 in Chicago gebaut:

Germania Club Chicago

Dieses ungewöhnliche Goethe-Denkmal wurde 1913 von deutschen Einwanderern in Chicago errichtet:

Goethe Denkmal Chicago

Dieses ebenfalls von Deutschen finanzierte Schiller-Denkmal stammt aus dem Jahr 1886:

Schiller Denkmal Chicago

Eugene Dietzgen (1862–1929) war der Sohn des Philosophen Joseph Dietzgen (1828–1888), ein Freund von Karl Marx und Friedrich Engels. Joseph Dietzgen übernahm während seiner letzten zwei Lebensjahre die Redaktion der Chicagoer Arbeiter-Zeitung, nachdem deren Chefredakteur August Spies hingerichtet wurde. (Darum geht es in meinem Roman Mit Müh und Not.) Sein Sohn Eugene kam ebenfalls nach Chicago und betrieb eine Fabrik für Büromöbel:

Dietzgen Chicago

Diese 1875 von deutschen Einwanderern gegründete Drogerie in Chicago hat bis heute überlebt:

Turnverein Lincoln Chicago

Falls ihr in die Welt der Deutschen in Chicago eintauchen wollt, empfehle ich euch meinen Auswanderer-Krimi "Mit Müh und Not", der 1886 in Chicago spielt.

"Wie auch mit den ersten beiden Bänden schaffte Kai Blum es erneut, mich zu begeistern. Authentisch schildert er die historischen Ereignisse und hat die fiktiven Charaktere mit ihren Erlebnissen gekonnt eingebaut." (Die-Rezensentin.de)

"Man spürt regelrecht die gespannte Atmosphäre in der Stadt." (Histo-Couch.de)

Versandkostenfrei bei Amazon, Hugendubel und Thalia

In den USA bei Amazon.com erhältlich

Montag, 1. Mai 2017

Warum ist der 1. Mai in den USA kein Feiertag?

Der Geburtsort des 1. Mai als internationaler Kampftag der Arbeiter war Chicago. Aber warum feiern die Amerikaner dann ihren Tag der Arbeit (Labor Day) am ersten Montag im September?

Am 1. Mai 1886 streikten 300.000 Arbeiter in den USA für die Einführung des Achtstundentages. Chicago war das Zentrum dieser Bewegung und hier fand an diesem Tag die erste 1. Mai-Demonstration mit 80.000 Teilnehmern statt. Vornweg marschierten die Mitglieder der anarchistischen Internationalen Arbeiter-Assoziation in Chicago, die hier die führende Rolle im Kampf für den Achtstundentag übernommen hatten.

Von den Vertretern des Kapitals wurde diese Massendemonstration als ernsthafte Bedrohung angesehen. Als drei Tage später, am 4. Mai 1886, eine Bombe auf einer Kundgebung der Anarchisten am Haymarket explodierte und in der Folge sieben Polizisten und eine unbekannte Zahl Arbeiter starben, sahen sie und die in ihrem Interesse arbeitende Justiz die Gelegenheit gekommen, der Arbeiterbewegung einen vernichtenden Schlag zu versetzen.

In meinem Krimi "Mit Müh und Not", in dem es darum geht, ob die Bombe von einem Anarchisten oder einem Agenten des Kapitals geworfen wurde, sagt einer der Verhafteten zu seinem Zellengenossen:

»Das hängen die uns allen an. Verschwörung nennen sie das, damit können sie uns alle an den Galgen bringen. Wer die Bombe geworfen hat, ist am Ende egal. Darum geht es ja auch gar nicht. Die haben Schiss bekommen. Du hast doch gesehen, was am 1. Mai auf der Michigan Avenue los war: achtzigtausend Arbeiter, die den Achtstundentag fordern! Stell dir mal vor, diese achtzigtausend würden die Villen der Kapitalistenschweine stürmen. Die hätten keine Chance zu entkommen, und das wissen sie nur zu gut.«
So etwas in der Art hatte Andreas auch zu Sophie gesagt, als sie das Meer aus roten und schwarzen Fahnen gesehen hatten und die Marseillaise in der ganzen Stadt zu hören war.

Die Anarchisten August Spies, Albert Parsons Samuel Fielden, Michael Schwab, George Engel, Adolph Fischer und Louis Lingg wurden am 20. August 1886 nach einem haarsträubenden Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Oscar Neebe, ein ebenfalls angeklagter Anarchist, erhielt eine Gefängnisstrafe von fünfzehn Jahren. Keinem der Verurteilten konnte eine Beteiligung an der Ausführung des Bombenwurfes nachgewiesen werden.

Die Verurteilten waren das Rückgrat der Arbeiterbewegung in Chicago: die fähigsten Organisatoren, die besten Redner, die Herausgeber der radikalsten Publikationen – ihre Gegner hatten lange auf die Gelegenheit gewartet, sie auszuschalten. Im Nachhinein wurde bekannt, dass genau diese Gegner schon bei der Formulierung der ersten Anklageschrift vom 5. Mai ihre Finger im Spiel hatten und dort eine angebliche Verschwörung ins Spiel brachten. Und sie stellten 100.000 Dollar zur Bekämpfung von Anarchie und Aufruhr zur Verfügung, die zum Teil für die Bezahlung von Detektiven der Agentur Pinkerton und anderen Informanten sowie zur Bestechung von Zeugen verwendet wurden.

August Spies, Albert Parsons, George Engel und Adolph Fischer starben am 11. November 1887 am Galgen. Zu ihrem Gedenken wurde 1889 auf dem Kongress der marxistischen Zweiten Internationale in Paris beschlossen, den Kampftag der Arbeiter auf der ganzen Welt am 1. Mai stattfinden zu lassen. Der sozialdemokratische International Socialist Congress 1904 in Amsterdam rief dann ebenfalls dazu auf. In den USA begingen sozialistische und kommunistische Parteien und Gewerkschaften diesen Feiertag bis 1941 und setzten ihn dann wegen des Zweiten Weltkrieges aus. Nach dem Krieg wurden Veranstaltungen zum 1. Mai verboten.

Die USA begehen seit 1894 den ersten Montag im September als Labor Day. Die Ursprünge dieses Datums sind umstritten und liegen möglicherweise in der Gewerkschaftsbewegung. Die amerikanische Regierung unter Präsident Cleveland wollte aber vor allem vermeiden, dass ein Labor Day am 1. Mai dem Gedenken an die Haymarket-Ereignisse und einer Stärkung der sozialistischen Bewegung diente.

Dieses Foto zeigt die Gewerkschaft der Zimmerer, von denen viele Deutsche waren, auf dem Umzug am Labor Day 1897 in Chicago:

Chicago 1. Mai 1897

Dienstag, 25. April 2017

Wo beginnt die Route 66 in Chicago wirklich?

Dass die legendäre Route 66 nach Santa Monica (Kalifornien) an den Strand des Pazifischen Ozean führt, ist allgemein bekannt. Aber wo genau geht sie eigentlich los?

Die Route 66 beginnt in Chicago und viele Reiseführer weisen auf die Ecke von Michigan Avenue und Adams Street hin, gleich gegenüber vom Art Institute of Chicago. Dort gibt es auch entsprechende Schilder:

Beginn Route 66 Chicago

 
Der ursprüngliche Beginn der Route 66 war jedoch einen Block südlich, an der Ecke von Jackson Boulevard und Michigan Avenue. Von 1926 bis 1933 befanden sich hier sowohl der Anfangs- als auch der Endpunkt (wenn man östlich fuhr). Heute wird diese Stelle lediglich als Endpunkt ausgewiesen:

Ende Route 66 Chicago

 
Nachdem Chicago einen Teil des Uferbereiches am Michigansee aufgeschüttet und den heutigen Grant Park geschaffen hatte, wurden 1933 sowohl Anfangs- als auch Endpunkt einige Hundert Meter weiter nach Osten an die Ecke von Jackson Drive (so der Name der Erweiterung des Jackson Boulevard) und Lake Shore Drive verschoben. Dort gibt es derzeit allerdings keinerlei Hinweisschilder auf die Route 66:

Route 66 Chicago

1955 wurde der Jackson Boulevard dann westlich der Michigan Avenue zur Einbahnstraße erklärt und die Route 66 deshalb über die Adams Street nach Westen geführt. Sie beginnt genau genommen aber immer noch an der Ecke von Jackson Boulevard und Lake Shore Drive.

Route 66 Chicago Karte

 
Die Route 66 geht durch folgende Staaten: Illinois, Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexico und Kalifornien. Die Gesamtstrecke zwischen Chicago und Santa Monica beträgt stolze 3944 Kilometer. Sie ist heute allerdings nicht mehr durchgehend befahrbar.

Vielleicht auch interessant: Sehenswürdigkeiten in Chicago, die nicht so bekannt sind

* * *

Tipp: Einige Kapitel in diesem Buch handeln in Chicago:

Jetzt bestellen!Fettnäpfchenführer USA: Mittendurch und Drumherum

"Das Buch ist rundum gelungen. Unterhaltsam und informativ." Zeitzonen.de

"Ein wertvoller Ratgeber für alle USA Ersttäter." USA-Reise.de

Sonntag, 16. April 2017

Die Haymarket Riot in Chicago

Am 1. Mai 1886 demonstrieren 80.000 Arbeiter auf der Michigan Avenue in Chicago für den Achtstundentag. Drei Tage später explodiert auf dem Haymarket eine Bombe. Haben Anarchisten oder bezahlte Agenten des Kapitals die Tat begangen? Um diese Frage geht es in meinem neuen Krimi "Mit Müh und Not".

Das erste Kapitel, das es hier als bebilderte Leseprobe gibt, schildert den Ablauf des Ereignisses, das als sogenannte "Haymarket Riot" in die Geschichte eingegangen ist.

 

4. Mai 1886

Ein leichter Nieselregen setzte ein. Andreas Brenner stand in der ersten Reihe vor dem als Bühne genutzten Pferdewagen und knöpfte sich die Jacke zu. Hinter sich hörte er Gemurmel und gelegentliche Zwischenrufe aus der Menge, die in der dunklen Straße versammelt war, um die führenden Anarchisten Chicagos reden zu hören.

Andreas arbeitete seit anderthalb Jahren als Schriftsetzer bei der auf Deutsch erscheinenden Arbeiter-Zeitung. Deren Chefredakteur August Spies hielt heute Abend die erste Rede. Am Vortag waren streikende Arbeiter der McCormick-Landmaschinenfabrik von der Polizei angegriffen worden, nachdem sie Streikbrecher attackiert hatten. Davon sprach August Spies. Er hatte mit ansehen müssen, wie zwei Arbeiter im Kugelhagel starben und unzählige verletzt wurden. Die bürgerlichen Zeitungen berichteten heute, er hätte die Arbeiter aufgewiegelt. Doch in seiner Rede verteidigte er sich: Er habe sich bei den ebenfalls streikenden Arbeitern auf den nahe gelegenen Holzumschlagplätzen aufgehalten und sei ihnen nur zu den Tumulten vor dem Fabriktor gefolgt.

Andreas dachte an gestern: Er war in der Setzerei, als Spies am späten Nachmittag sehr aufgebracht mit den englischen und deutschen Texten für ein zweisprachiges Flugblatt hereinkam. Darin schilderte er die Geschehnisse bei McCormick und rief zum Widerstand auf. Die Schlagzeilen lauteten »Workingmen, to Arms!« und »Arbeiter, zu den Waffen!«. Ein Kollege von Andreas fügte beim Setzen noch in fetten Buchstaben die Worte »Revenge« und »Rache« hinzu.

Die heutige Kundgebung fand statt, um gegen das Vorgehen der Polizei zu protestieren. Spies erinnerte seine Zuhörer an eine Reihe von Vorfällen in den letzten Monaten und Jahren, bei denen die Polizei streikende Arbeiter getötet hatte. »Warum ermordeten die Bluthunde der Ausbeuter eure Brüder?«, rief er den Arbeitern zu. »Weil sie den Mut hatten, mit dem Los unzufrieden zu sein, das die Ausbeuter ihnen beschieden hatten. Sie forderten Brot und man antwortete ihnen mit Blei.« Spies sah kurz in die Runde und fuhr fort: »Viele Jahre habt ihr die Demütigungen ohne Widerspruch hingenommen, habt euch vom frühen Morgen bis zum späten Abend geschunden, habt Entbehrungen jeder Art ertragen, um die Kassen der Herren zu füllen. Und jetzt, wo ihr vor sie hintretet und sie bittet, eure Bürde etwas zu erleichtern, da hetzen sie zum Dank ihre Bluthunde auf euch, um euch mit Bleikugeln von der Unzufriedenheit zu kurieren. Arbeiter, ihr seid am Scheideweg angelangt! Wofür entscheidet ihr euch? Für Sklaverei und Hunger oder für Freiheit und Brot?«

Aus der Menge kamen Rufe: »Freiheit! Brot!«

Als Nächster sprach Albert Parsons, der Herausgeber der Wochenzeitung The Alarm und der bekannteste englischsprachige Redner der anarchistischen Internationalen Arbeiter-Assoziation, die alle nur die Internationale nannten. Im Sommer kamen jeden Sonntag Tausende Arbeiter zum Lake Front Park am Ufer des Michigansees, um ihn reden zu hören.

Auch an diesem Abend riss Parsons das Publikum mit. Er prangerte insbesondere das Verhalten der Staatsmacht an: »Statt das Volk, also euch, die Arbeiter, zu schützen, verstehen es Polizei und Nationalgarde als ihre Aufgabe, die Macht des Kapitals zu erhalten.« Seine Stimme wurde lauter. »Freiwillig werden euch die Blutsauger nichts geben, keinen Achtstundentag, keinen fairen Lohn, keine Mitbestimmung. Aber der Tag naht, an dem die Arbeiter in der ganzen Welt die Fesseln der Lohnsklaverei abschütteln und die Ausbeuterklasse vernichten werden!«

Andreas bewunderte Spies und Parsons. Seit Monaten hatten sie die Arbeiter dazu aufgerufen, sich zu bewaffnen, damit sie sich gegen die brutalen Übergriffe der Polizei schützen konnten. Die beiden waren jedoch gemäßigt im Vergleich zu dem in New York lebenden Johann Most, der ganz offen zum gewaltsamen Umsturz aufrief. Most hatte auch in Chicago eine ganze Reihe von Anhängern. Darunter war der Vorarbeiter in der Setzerei der Arbeiter-Zeitung, Adolph Fischer. Kein Tag verging, an dem Fischer nicht genau wie Most von der »Propaganda der Tat« und der befreienden Kraft des Dynamits schwärmte.

Spies wurde das oft zu viel, und auch heute Morgen hatte er wieder heftig mit Fischer gestritten. Der hatte diese Kundgebung organisiert und den Text für das Ankündigungsflugblatt mit dem Satz »Arbeiter, bewaffnet euch und erscheint massenhaft« abgeschlossen. Spies jedoch wollte nur dann als Redner auftreten, wenn Fischer den Satz entfernte. Er fürchtete, dass durch einen Aufruf zur Bewaffnung viele Arbeiter abgeschreckt würden. Fischer hielt dagegen, dass Spies am Vortag nach den Vorfällen bei McCormick in seinem Flugblatt selbst den Satz »Arbeiter, zu den Waffen!« verwendet habe. Spies erwiderte, das wäre eher generell gemeint gewesen. So ging es hin und her.

Fischer willigte schließlich kopfschüttelnd ein, der Text wurde geändert und das Flugblatt neu gedruckt, aber einige Exemplare der alten Fassung waren wohl doch verteilt worden, denn Andreas hatte eines von ihnen in der Hand eines Kundgebungsteilnehmers gesehen. Wenn Spies das erfuhr, würde er sicher sehr ungehalten werden. Schon heute Abend nach seiner Ankunft auf dem Haymarket war er wütend geworden: Außer ihm war kein anderer Redner da und er musste sich selbst um weitere Sprecher kümmern. »Ich verstehe das nicht«, hatte Spies zu Andreas gesagt. »Was hat sich Fischer dabei gedacht, keine englischen Redner einzuladen? Der will Revolution machen, ist aber nicht mal in der Lage, eine Kundgebung auf die Beine zu stellen.«

Andreas mochte den trotz aller revolutionären Leidenschaft eher besonnen vorgehenden Spies. Für ihn war der Zeitpunkt für eine Revolution noch nicht gekommen, vor allem weil die Arbeiter nicht ausreichend organisiert waren. Eine Niederschlagung wie bei der Pariser Kommune vor fünfzehn Jahren musste unbedingt vermieden werden, hatte er neulich erst während einer Arbeitspause erklärt und betont, den Gewerkschaften käme eine besondere Rolle zu. Fischer dagegen nannte den Kampf um Reformen wie den Achtstundentag »nutzlose Spielerei«.

In Gedanken mit den Streitereien zwischen Spies und Fischer beschäftigt, hatte Andreas der Rede von Albert Parsons nur mit halbem Ohr zugehört. Der hatte gerade zu Ende gesprochen, begleitet von heftigem Applaus und zustimmenden Rufen. Parsons, der mit seiner Frau Lucy und seinen zwei kleinen Kindern gekommen war, stieg vom Wagen und gab bekannt, dass er wegen des stärker werdenden Regens mit seiner Familie in die nahe gelegene Arbeiterkneipe Zepf’s gehen würde.

Die meisten Teilnehmer hatten sich angesichts des Wetters schon auf den Heimweg gemacht, der letzte Redner fand daher nur noch ein paar Hundert hartgesottene Zuhörer: Samuel Fielden stieg auf die provisorische Bühne und sein langer Bart wehte im Wind. Der nordenglische Dialekt des kräftigen Fuhrmanns war unverkennbar, als auch er mit donnernder Stimme die Staatsgewalt verurteilte, die nur den Interessen des Kapitals diente. »Verliert sie nicht aus den Augen!«, rief er der Menge zu. »Haltet sie auf! Tötet sie! Tut alles, was in eurer Macht steht, um sie zu stoppen!« Die Männer, die jetzt noch hier ausharrten, waren kampfbereit. Nicht wenige von ihnen waren Mitglieder im verbotenen Lehr und Wehr Verein, der einige Hundert Arbeiter militärisch ausbildete. Auch Adolph Fischer trug stolz eine Gürtelschnalle mit der Aufschrift »L.&W. V«. Andreas hatte Sophie versprochen, um zehn zu Hause zu sein. Sie hatte ihn gebeten, nicht zu dieser Kundgebung zu gehen, nach dem, was gestern bei McCormick geschehen war. Andreas aber wollte gegenüber seinen Kollegen von der Arbeiter-Zeitung nicht als Feigling dastehen. August Spies hatte ihm gerade freundlich zugenickt und auch Adolph Fischer war eben noch hier gewesen, allerdings hatte Andreas ihn in der Dunkelheit aus den Augen verloren.

»Uns wurde der Krieg erklärt«, rief Fielden. Seine kräftige Stimme hallte trotz des Windes von den Fassaden der unbeleuchteten Fabrik- und Geschäftsgebäude auf beiden Straßenseiten wider. »Und ich fordere euch auf: Nutzt, was ihr könnt, um dem Angriff des Feindes zu widerstehen!« Der Redner hielt inne und schien über die Menge hinweg etwas zu beobachten. Jemand rief: »Da kommen die Bluthunde!«

Ungefähr zweihundert Polizisten marschierten im Eiltempo, in voller Straßenbreite und in mehreren Reihen hintereinander auf die Kundgebung zu. Viele der Uniformierten hatten Schlagstöcke in der Hand, manche sogar Revolver. Die Menge wich zurück.

 

Als die Polizisten den Wagen mit dem Redner beinahe erreicht hatten, befahl ihnen ein Hauptmann anzuhalten. Andreas sah neben dem Hauptmann den berüchtigten Chefinspektor John Bonfield stehen. Bonfield war in Chicago für sein brutales Vorgehen gegen Demonstranten bekannt. Er hatte auch die gewaltsame Niederschlagung der Proteste am Vorabend bei McCormick angeführt. Bonfield nickte dem Hauptmann zu. Der verkündete mit lauter Stimme: »Ich befehle euch im Namen des Volkes von Illinois, sofort friedlich auseinanderzugehen.«

Friedlich, dachte Andreas zornig. Die Polizisten standen mit Waffen in der Hand da! Dass Bonfield das Kommando führte, ließ ihn Böses ahnen. Andreas hatte letzten Sommer beim Streik der Straßenbahner mit eigenen Augen gesehen, wie Bonfield einen unbeteiligten alten Mann bewusstlos geknüppelt hatte.

August Spies kletterte zurück auf den Wagen und flüsterte Fielden ein paar Worte ins Ohr. Dieser rief daraufhin in Richtung Polizei: »Wir sind friedlich!«

Auf dem Platz herrschte absolute Stille. Der Hauptmann wiederholte seinen Befehl Wort für Wort.

»Schon gut, wir gehen ja«, sagte Fielden nach kurzem Zögern und Spies und er machten sich daran, vom Wagen zu steigen. In diesem Augenblick nahm Andreas ein zischendes Geräusch wahr. Er folgte Fieldens Blick und sah einen kleinen Gegenstand, der an einem Ende glühte, von der Seite her in die Reihen der Polizisten fliegen. Er wunderte sich, dass jemand seine Zigarre in so hohem Bogen wegwarf, und wurde im nächsten Moment von einer gewaltigen Detonation gegen den Wagen geworfen. Danach war es stockdunkel, die Flamme der einzigen Gaslaterne in der Straße war von der Druckwelle gelöscht worden. Andreas klangen die Ohren. Nach zwei oder drei Sekunden unheilvoller Stille begannen Schüsse zu fallen. Erst vereinzelt, dann beinahe ununterbrochen.

Es herrschte Chaos. Schreie, Schüsse, Hunderte Menschen, die fortzulaufen versuchten. Andreas wurde von der Menge gegen eines der großen Wagenräder gedrückt. Nur mit größter Mühe gelang es ihm, sich frei zu machen und unter das Fuhrwerk zu kriechen. Seine Gedanken rasten. War das Dynamit gewesen? Andreas musste an Adolph Fischer und seine Schwärmerei für den Sprengstoff denken.

Zwei Männer krochen unter den Wagen, ohne Andreas in der Dunkelheit zu bemerken. »Diese Idioten feuern auf alles, was sich bewegt!«, fluchte einer von ihnen auf Englisch und mit irischem Dialekt. Der andere schrie: »Nicht schießen, Kollegen!« Das waren Polizisten! Andreas rutschte auf allen vieren rückwärts. Die Polizisten waren sicher nur eine Armlänge von ihm entfernt. Er zögerte, unter dem Wagen hervorzukommen und wegzulaufen, denn noch immer fielen Schüsse. Als er sich endlich einen Ruck geben wollte, zündete einer der Polizisten ein Streichholz an. Er musste irgendetwas gehört haben. Er sah Andreas, fasste ihn sofort am Arm, wartete einen Augenblick und zerrte ihn schließlich ins Freie. Andreas, der eher schmächtig gebaut war, wagte es nicht, sich zu wehren. Der zweite Polizist tastete ihn nach Waffen ab und legte ihm eine Handschelle an. Die zweite Handschelle machte er an einem Wagenrad fest. »Lass uns hier warten, bis jemand mit einer Laterne kommt«, sagte er dabei zu seinem Kollegen.

Überall lagen stöhnende Menschen in der Dunkelheit. Von der Wache her kamen schon bald Uniformierte mit Laternen angelaufen und begannen hastig, nach verletzten Kollegen zu suchen und sie wegzutragen. Andreas sah Bonfield mit einer Pistole in der Hand mitten auf der Straße stehen und Befehle geben. Arbeiter, die von Kugeln getroffen waren, wurden ignoriert, solange sie es nicht wagten, aufzustehen. Taten sie das, bekamen sie den Schlagstock zu spüren oder wurden von Polizisten fortgezerrt. Auch der kräftige Polizist, der Andreas vom Wagen losmachte und mit eisernem Griff am Oberarm in Richtung Wache führte, teilte auf dem Weg dorthin Schläge aus, als ihm ein verletzter und anscheinend verwirrter Arbeiter zu nahe kam. Andreas hatte Angst und dachte an Sophie und an Ella, ihre kleine Tochter, die gerade erst ein halbes Jahr alt geworden war. Sophie würde sich Sorgen machen, wenn er nicht nach Hause käme. Zum Glück war er unverletzt geblieben und er hielt es für ratsam, nicht den Zorn der ohnehin schon wütenden Polizisten auf sich zu ziehen. Er war unbewaffnet und hatte nichts Gesetzwidriges getan, da würde man ihn sicher spätestens am Morgen wieder laufen lassen.

Der Polizist stieß Andreas die Treppe zum Eingang der Wache hinauf. Im Inneren kümmerten sich unverletzte Polizisten um ihre auf Tischen, Bänken und dem Boden liegenden Kollegen, die zumeist Verletzungen an den Beinen hatten und deren Uniformhosen zerfetzt und blutig waren. Andreas hatte noch nie in seinem Leben so viel Blut gesehen. Einige der Verletzten stöhnten oder wimmerten vor Schmerzen. Auf einem Tisch lag ein Mann, dessen Uniform auch am Bauch blutdurchtränkt war. Sein Gesicht war mit einer Jacke bedeckt. Ein Polizist trat wortlos an Andreas heran und schlug ihm die Faust so hart ins Gesicht, dass er in die Knie ging. Der Mann, der ihn abgeführt hatte, zerrte ihn wieder auf die Beine und die Treppe zum Keller hinunter, in einen langen Gang mit zahlreichen eisernen Türen auf beiden Seiten. Andreas war benommen. Der Polizist öffnete eine der Türen und stieß ihn, ohne noch etwas zu sagen, hinein. Die Tür fiel ins Schloss und Andreas war allein in einer dunklen Zelle.

* * *

Wie es weiter geht, könnt ihr in meinem neuen Auswanderer-Krimi "Mit Müh und Not" erfahren.

"Wie auch mit den ersten beiden Bänden schaffte Kai Blum es erneut, mich zu begeistern. Authentisch schildert er die historischen Ereignisse und hat die fiktiven Charaktere mit ihren Erlebnissen gekonnt eingebaut." (Die-Rezensentin.de)

"Man spürt regelrecht die gespannte Atmosphäre in der Stadt." (Histo-Couch.de)

Versandkostenfrei bei Amazon, Hugendubel und Thalia

In den USA bei Amazon.com erhältlich

* * *

Mit der Demonstration am 1. Mai 1886 und den Ereignissen der nachfolgenden Tage war der internationale Kampftag der Arbeiter geboren, den es in den USA allerdings seit 1942 nicht mehr gab. Die Kommunistische Partei der USA verzichtete während des Zweiten Weltkrieges auf alle Proteste und Streiks. Eine Wiederbelebung nach dem Krieg wurde durch Verbote unterbunden.

Dienstag, 4. April 2017

Auswanderer-Krimis auch in den USA als E-Books erhältlich

Liebe Leser in den USA,

meine Auswanderer-Krimis gibt es auch hier als E-Books zu kaufen: "Hoffnung ist ein weites Feld", "Man erntet, was man sät" und "Mit Müh und Not".

Rezensionen:

"Die Seiten fliegen nur so dahin." (Die Liebe zu den Büchern)

"Kurzweilig, spannend und sehr informativ." (Histo-Couch.de)

"Sehr vielschichtig und unglaublich spannend." (Stephis Bücher Blog)

"Ein spannendes Buch, in dem historische Fakten gekonnt ins Krimi-Genre eingebettet werden." (Das Magazin)

"Wie auch mit den ersten beiden Bänden schaffte Kai Blum es erneut, mich zu begeistern. Authentisch schildert er die historischen Ereignisse und hat die fiktiven Charaktere mit ihren Erlebnissen gekonnt eingebaut." (Die-Rezensentin.de)