Freitag, 11. August 2017

Tipp zum Selbständig machen in den USA: Kauf einer Franchise

Viele Fast Food Restaurants, Hotels, Tankstellen und andere Service-Betriebe in den USA werden als franchises betrieben, d. h. sie haben individuelle Betreiber, die gegen Gebühren die Markennamen, Geschäftspraktiken und Zuliefermöglichkeiten von landesweit bekannten und erfolgreichen Unternehmen wie McDonald’s, Days Inn, BP oder 7-Eleven, aber auch von kleineren bzw. eher regionalen Firmen nutzen.

Das Betreiben einer franchise ist eine attraktive Geschäftsmöglichkeit, denn man bietet erprobte Produkte und Dienstleistungen unter einem bekannten Namen an. Die Mutterunternehmen schulen die Betreiber und übernehmen zudem die Werbung für die Marke. Auch die Finanzierung ist oft einfacher, da die Banken das Risiko hier recht gut einschätzen können.

Die Anfangsgebühren für das Recht, eine franchise zu eröffnen, und die fortlaufenden Betreiber-Gebühren können sich je nach Unternehmen sehr stark unterscheiden. Der Bau bzw. das Mieten von Gewerberäumen und die Ausstattung müssen nach den Richtlinien des Markenbesitzers erfolgen und die Kosten dafür ebenfalls vom Betreiber aufgebracht werden. Es gibt franchises, bei denen nur 30.000 Dollar Startkapital notwendig sind, und bei anderen muss man eine halbe Million Dollar investieren. Zudem gibt es geographische Einschränkungen, da die Unternehmen darauf achten, dass es nur eine franchise für einen bestimmten Einzugsbereich gibt. Das ist natürlich auch im Interesse der jeweiligen Betreiber.

Einen guten Überblick über verfügbare franchises, nach Industrie, Startkapital und Bundesstaat geordnet, kann man sich auf www.franchiseopportunities.com verschaffen.

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Dienstag, 23. Mai 2017

Spurensuche: Deutsche Einwanderer in Chicago

Um 1890 bestand ein Drittel der damals eine Million Einwohner zählenden Stadt Chicago aus deutschen Einwanderern. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, insbesondere etwas abseits vom Zentrum, wird hin und wieder Spuren entdecken, die von den Deutschen in Chicago hinterlassen wurden.

Ich wohne seit zwei Jahren in Chicago und habe in dieser Zeit den Auswanderer-Roman Mit Müh und Not geschrieben, der 1886 in dieser Stadt spielt. Deshalb achte ich bei meinen Streifzügen besonders auf Spuren deutscher Auswanderer im 19. Jahrhundert. Hier ist eine Auswahl:

Die Kirche St. Michael wurde 1869 von deutschen Katholiken gebaut. Als einziges Gebäude im Stadtteil Old Town überstand sie den großen Stadtbrand des Jahres 1871 und bis 1885 war sie das höchste Bauwerk in Chicago:

St. Michael Katholische Kirche Chicago

Diese evangelische Kirche an der Ecke von Dickens Avenue und Fremont Street wurde 1916 von deutschen Einwanderern gebaut:

Evangelische Kirche Chicago

Deutsche Kirche Chicago

Der Turnverein Lincoln wurde 1885 gegründet und bestand bis 1994:

Turnverein Lincoln Chicago

Deutscher Turnverein Chicago

Der Germania Club, ein Verein deutscher Einwanderer, hat dieses Gebäude 1889 in Chicago gebaut:

Germania Club Chicago

Dieses ungewöhnliche Goethe-Denkmal wurde 1913 von deutschen Einwanderern in Chicago errichtet:

Goethe Denkmal Chicago

Dieses ebenfalls von Deutschen finanzierte Schiller-Denkmal stammt aus dem Jahr 1886:

Schiller Denkmal Chicago

Eugene Dietzgen (1862–1929) war der Sohn des Philosophen Joseph Dietzgen (1828–1888), ein Freund von Karl Marx und Friedrich Engels. Joseph Dietzgen übernahm während seiner letzten zwei Lebensjahre die Redaktion der Chicagoer Arbeiter-Zeitung, nachdem deren Chefredakteur August Spies hingerichtet wurde. (Darum geht es in meinem Roman Mit Müh und Not.) Sein Sohn Eugene kam ebenfalls nach Chicago und betrieb eine Fabrik für Büromöbel:

Dietzgen Chicago

Diese 1875 von deutschen Einwanderern gegründete Drogerie in Chicago hat bis heute überlebt:

Turnverein Lincoln Chicago

Falls ihr in die Welt der Deutschen in Chicago eintauchen wollt, empfehle ich euch meinen Auswanderer-Krimi "Mit Müh und Not", der 1886 in Chicago spielt.

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Montag, 1. Mai 2017

Warum ist der 1. Mai in den USA kein Feiertag?

Der Geburtsort des 1. Mai als internationaler Kampftag der Arbeiter war Chicago. Aber warum feiern die Amerikaner dann ihren Tag der Arbeit (Labor Day) am ersten Montag im September?

Am 1. Mai 1886 streikten 300.000 Arbeiter in den USA für die Einführung des Achtstundentages. Chicago war das Zentrum dieser Bewegung und hier fand an diesem Tag die erste 1. Mai-Demonstration mit 80.000 Teilnehmern statt. Vornweg marschierten die Mitglieder der anarchistischen Internationalen Arbeiter-Assoziation in Chicago, die hier die führende Rolle im Kampf für den Achtstundentag übernommen hatten.

Von den Vertretern des Kapitals wurde diese Massendemonstration als ernsthafte Bedrohung angesehen. Als drei Tage später, am 4. Mai 1886, eine Bombe auf einer Kundgebung der Anarchisten am Haymarket explodierte und in der Folge sieben Polizisten und eine unbekannte Zahl Arbeiter starben, sahen sie und die in ihrem Interesse arbeitende Justiz die Gelegenheit gekommen, der Arbeiterbewegung einen vernichtenden Schlag zu versetzen.

In meinem Krimi "Mit Müh und Not", in dem es darum geht, ob die Bombe von einem Anarchisten oder einem Agenten des Kapitals geworfen wurde, sagt einer der Verhafteten zu seinem Zellengenossen:

»Das hängen die uns allen an. Verschwörung nennen sie das, damit können sie uns alle an den Galgen bringen. Wer die Bombe geworfen hat, ist am Ende egal. Darum geht es ja auch gar nicht. Die haben Schiss bekommen. Du hast doch gesehen, was am 1. Mai auf der Michigan Avenue los war: achtzigtausend Arbeiter, die den Achtstundentag fordern! Stell dir mal vor, diese achtzigtausend würden die Villen der Kapitalistenschweine stürmen. Die hätten keine Chance zu entkommen, und das wissen sie nur zu gut.«
So etwas in der Art hatte Andreas auch zu Sophie gesagt, als sie das Meer aus roten und schwarzen Fahnen gesehen hatten und die Marseillaise in der ganzen Stadt zu hören war.

Die Anarchisten August Spies, Albert Parsons Samuel Fielden, Michael Schwab, George Engel, Adolph Fischer und Louis Lingg wurden am 20. August 1886 nach einem haarsträubenden Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Oscar Neebe, ein ebenfalls angeklagter Anarchist, erhielt eine Gefängnisstrafe von fünfzehn Jahren. Keinem der Verurteilten konnte eine Beteiligung an der Ausführung des Bombenwurfes nachgewiesen werden.

Die Verurteilten waren das Rückgrat der Arbeiterbewegung in Chicago: die fähigsten Organisatoren, die besten Redner, die Herausgeber der radikalsten Publikationen – ihre Gegner hatten lange auf die Gelegenheit gewartet, sie auszuschalten. Im Nachhinein wurde bekannt, dass genau diese Gegner schon bei der Formulierung der ersten Anklageschrift vom 5. Mai ihre Finger im Spiel hatten und dort eine angebliche Verschwörung ins Spiel brachten. Und sie stellten 100.000 Dollar zur Bekämpfung von Anarchie und Aufruhr zur Verfügung, die zum Teil für die Bezahlung von Detektiven der Agentur Pinkerton und anderen Informanten sowie zur Bestechung von Zeugen verwendet wurden.

August Spies, Albert Parsons, George Engel und Adolph Fischer starben am 11. November 1887 am Galgen. Zu ihrem Gedenken wurde 1889 auf dem Kongress der marxistischen Zweiten Internationale in Paris beschlossen, den Kampftag der Arbeiter auf der ganzen Welt am 1. Mai stattfinden zu lassen. Der sozialdemokratische International Socialist Congress 1904 in Amsterdam rief dann ebenfalls dazu auf. In den USA begingen sozialistische und kommunistische Parteien und Gewerkschaften diesen Feiertag bis 1941 und setzten ihn dann wegen des Zweiten Weltkrieges aus. Nach dem Krieg wurden Veranstaltungen zum 1. Mai verboten.

Die USA begehen seit 1894 den ersten Montag im September als Labor Day. Die Ursprünge dieses Datums sind umstritten und liegen möglicherweise in der Gewerkschaftsbewegung. Die amerikanische Regierung unter Präsident Cleveland wollte aber vor allem vermeiden, dass ein Labor Day am 1. Mai dem Gedenken an die Haymarket-Ereignisse und einer Stärkung der sozialistischen Bewegung diente.

Dieses Foto zeigt die Gewerkschaft der Zimmerer, von denen viele Deutsche waren, auf dem Umzug am Labor Day 1897 in Chicago:

Chicago 1. Mai 1897

Dienstag, 25. April 2017

Wo beginnt die Route 66 in Chicago wirklich?

Dass die legendäre Route 66 nach Santa Monica (Kalifornien) an den Strand des Pazifischen Ozean führt, ist allgemein bekannt. Aber wo genau geht sie eigentlich los?

Die Route 66 beginnt in Chicago und viele Reiseführer weisen auf die Ecke von Michigan Avenue und Adams Street hin, gleich gegenüber vom Art Institute of Chicago. Dort gibt es auch entsprechende Schilder:

Beginn Route 66 Chicago

 
Der ursprüngliche Beginn der Route 66 war jedoch einen Block südlich, an der Ecke von Jackson Boulevard und Michigan Avenue. Von 1926 bis 1933 befanden sich hier sowohl der Anfangs- als auch der Endpunkt (wenn man östlich fuhr). Heute wird diese Stelle lediglich als Endpunkt ausgewiesen:

Ende Route 66 Chicago

 
Nachdem Chicago einen Teil des Uferbereiches am Michigansee aufgeschüttet und den heutigen Grant Park geschaffen hatte, wurden 1933 sowohl Anfangs- als auch Endpunkt einige Hundert Meter weiter nach Osten an die Ecke von Jackson Drive (so der Name der Erweiterung des Jackson Boulevard) und Lake Shore Drive verschoben. Dort gibt es derzeit allerdings keinerlei Hinweisschilder auf die Route 66:

Route 66 Chicago

1955 wurde der Jackson Boulevard dann westlich der Michigan Avenue zur Einbahnstraße erklärt und die Route 66 deshalb über die Adams Street nach Westen geführt. Sie beginnt genau genommen aber immer noch an der Ecke von Jackson Boulevard und Lake Shore Drive.

Route 66 Chicago Karte

 
Die Route 66 geht durch folgende Staaten: Illinois, Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexico und Kalifornien. Die Gesamtstrecke zwischen Chicago und Santa Monica beträgt stolze 3944 Kilometer. Sie ist heute allerdings nicht mehr durchgehend befahrbar.

Vielleicht auch interessant: Sehenswürdigkeiten in Chicago, die nicht so bekannt sind

* * *

Tipp: Einige Kapitel in diesem Buch handeln in Chicago:

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Sonntag, 16. April 2017

Die Haymarket Riot in Chicago

Am 1. Mai 1886 demonstrieren 80.000 Arbeiter auf der Michigan Avenue in Chicago für den Achtstundentag. Drei Tage später explodiert auf dem Haymarket eine Bombe. Haben Anarchisten oder bezahlte Agenten des Kapitals die Tat begangen? Um diese Frage geht es in meinem neuen Krimi "Mit Müh und Not".

Das erste Kapitel, das es hier als bebilderte Leseprobe gibt, schildert den Ablauf des Ereignisses, das als sogenannte "Haymarket Riot" in die Geschichte eingegangen ist.

 

4. Mai 1886

Ein leichter Nieselregen setzte ein. Andreas Brenner stand in der ersten Reihe vor dem als Bühne genutzten Pferdewagen und knöpfte sich die Jacke zu. Hinter sich hörte er Gemurmel und gelegentliche Zwischenrufe aus der Menge, die in der dunklen Straße versammelt war, um die führenden Anarchisten Chicagos reden zu hören.

Andreas arbeitete seit anderthalb Jahren als Schriftsetzer bei der auf Deutsch erscheinenden Arbeiter-Zeitung. Deren Chefredakteur August Spies hielt heute Abend die erste Rede. Am Vortag waren streikende Arbeiter der McCormick-Landmaschinenfabrik von der Polizei angegriffen worden, nachdem sie Streikbrecher attackiert hatten. Davon sprach August Spies. Er hatte mit ansehen müssen, wie zwei Arbeiter im Kugelhagel starben und unzählige verletzt wurden. Die bürgerlichen Zeitungen berichteten heute, er hätte die Arbeiter aufgewiegelt. Doch in seiner Rede verteidigte er sich: Er habe sich bei den ebenfalls streikenden Arbeitern auf den nahe gelegenen Holzumschlagplätzen aufgehalten und sei ihnen nur zu den Tumulten vor dem Fabriktor gefolgt.

Andreas dachte an gestern: Er war in der Setzerei, als Spies am späten Nachmittag sehr aufgebracht mit den englischen und deutschen Texten für ein zweisprachiges Flugblatt hereinkam. Darin schilderte er die Geschehnisse bei McCormick und rief zum Widerstand auf. Die Schlagzeilen lauteten »Workingmen, to Arms!« und »Arbeiter, zu den Waffen!«. Ein Kollege von Andreas fügte beim Setzen noch in fetten Buchstaben die Worte »Revenge« und »Rache« hinzu.

Die heutige Kundgebung fand statt, um gegen das Vorgehen der Polizei zu protestieren. Spies erinnerte seine Zuhörer an eine Reihe von Vorfällen in den letzten Monaten und Jahren, bei denen die Polizei streikende Arbeiter getötet hatte. »Warum ermordeten die Bluthunde der Ausbeuter eure Brüder?«, rief er den Arbeitern zu. »Weil sie den Mut hatten, mit dem Los unzufrieden zu sein, das die Ausbeuter ihnen beschieden hatten. Sie forderten Brot und man antwortete ihnen mit Blei.« Spies sah kurz in die Runde und fuhr fort: »Viele Jahre habt ihr die Demütigungen ohne Widerspruch hingenommen, habt euch vom frühen Morgen bis zum späten Abend geschunden, habt Entbehrungen jeder Art ertragen, um die Kassen der Herren zu füllen. Und jetzt, wo ihr vor sie hintretet und sie bittet, eure Bürde etwas zu erleichtern, da hetzen sie zum Dank ihre Bluthunde auf euch, um euch mit Bleikugeln von der Unzufriedenheit zu kurieren. Arbeiter, ihr seid am Scheideweg angelangt! Wofür entscheidet ihr euch? Für Sklaverei und Hunger oder für Freiheit und Brot?«

Aus der Menge kamen Rufe: »Freiheit! Brot!«

Als Nächster sprach Albert Parsons, der Herausgeber der Wochenzeitung The Alarm und der bekannteste englischsprachige Redner der anarchistischen Internationalen Arbeiter-Assoziation, die alle nur die Internationale nannten. Im Sommer kamen jeden Sonntag Tausende Arbeiter zum Lake Front Park am Ufer des Michigansees, um ihn reden zu hören.

Auch an diesem Abend riss Parsons das Publikum mit. Er prangerte insbesondere das Verhalten der Staatsmacht an: »Statt das Volk, also euch, die Arbeiter, zu schützen, verstehen es Polizei und Nationalgarde als ihre Aufgabe, die Macht des Kapitals zu erhalten.« Seine Stimme wurde lauter. »Freiwillig werden euch die Blutsauger nichts geben, keinen Achtstundentag, keinen fairen Lohn, keine Mitbestimmung. Aber der Tag naht, an dem die Arbeiter in der ganzen Welt die Fesseln der Lohnsklaverei abschütteln und die Ausbeuterklasse vernichten werden!«

Andreas bewunderte Spies und Parsons. Seit Monaten hatten sie die Arbeiter dazu aufgerufen, sich zu bewaffnen, damit sie sich gegen die brutalen Übergriffe der Polizei schützen konnten. Die beiden waren jedoch gemäßigt im Vergleich zu dem in New York lebenden Johann Most, der ganz offen zum gewaltsamen Umsturz aufrief. Most hatte auch in Chicago eine ganze Reihe von Anhängern. Darunter war der Vorarbeiter in der Setzerei der Arbeiter-Zeitung, Adolph Fischer. Kein Tag verging, an dem Fischer nicht genau wie Most von der »Propaganda der Tat« und der befreienden Kraft des Dynamits schwärmte.

Spies wurde das oft zu viel, und auch heute Morgen hatte er wieder heftig mit Fischer gestritten. Der hatte diese Kundgebung organisiert und den Text für das Ankündigungsflugblatt mit dem Satz »Arbeiter, bewaffnet euch und erscheint massenhaft« abgeschlossen. Spies jedoch wollte nur dann als Redner auftreten, wenn Fischer den Satz entfernte. Er fürchtete, dass durch einen Aufruf zur Bewaffnung viele Arbeiter abgeschreckt würden. Fischer hielt dagegen, dass Spies am Vortag nach den Vorfällen bei McCormick in seinem Flugblatt selbst den Satz »Arbeiter, zu den Waffen!« verwendet habe. Spies erwiderte, das wäre eher generell gemeint gewesen. So ging es hin und her.

Fischer willigte schließlich kopfschüttelnd ein, der Text wurde geändert und das Flugblatt neu gedruckt, aber einige Exemplare der alten Fassung waren wohl doch verteilt worden, denn Andreas hatte eines von ihnen in der Hand eines Kundgebungsteilnehmers gesehen. Wenn Spies das erfuhr, würde er sicher sehr ungehalten werden. Schon heute Abend nach seiner Ankunft auf dem Haymarket war er wütend geworden: Außer ihm war kein anderer Redner da und er musste sich selbst um weitere Sprecher kümmern. »Ich verstehe das nicht«, hatte Spies zu Andreas gesagt. »Was hat sich Fischer dabei gedacht, keine englischen Redner einzuladen? Der will Revolution machen, ist aber nicht mal in der Lage, eine Kundgebung auf die Beine zu stellen.«

Andreas mochte den trotz aller revolutionären Leidenschaft eher besonnen vorgehenden Spies. Für ihn war der Zeitpunkt für eine Revolution noch nicht gekommen, vor allem weil die Arbeiter nicht ausreichend organisiert waren. Eine Niederschlagung wie bei der Pariser Kommune vor fünfzehn Jahren musste unbedingt vermieden werden, hatte er neulich erst während einer Arbeitspause erklärt und betont, den Gewerkschaften käme eine besondere Rolle zu. Fischer dagegen nannte den Kampf um Reformen wie den Achtstundentag »nutzlose Spielerei«.

In Gedanken mit den Streitereien zwischen Spies und Fischer beschäftigt, hatte Andreas der Rede von Albert Parsons nur mit halbem Ohr zugehört. Der hatte gerade zu Ende gesprochen, begleitet von heftigem Applaus und zustimmenden Rufen. Parsons, der mit seiner Frau Lucy und seinen zwei kleinen Kindern gekommen war, stieg vom Wagen und gab bekannt, dass er wegen des stärker werdenden Regens mit seiner Familie in die nahe gelegene Arbeiterkneipe Zepf’s gehen würde.

Die meisten Teilnehmer hatten sich angesichts des Wetters schon auf den Heimweg gemacht, der letzte Redner fand daher nur noch ein paar Hundert hartgesottene Zuhörer: Samuel Fielden stieg auf die provisorische Bühne und sein langer Bart wehte im Wind. Der nordenglische Dialekt des kräftigen Fuhrmanns war unverkennbar, als auch er mit donnernder Stimme die Staatsgewalt verurteilte, die nur den Interessen des Kapitals diente. »Verliert sie nicht aus den Augen!«, rief er der Menge zu. »Haltet sie auf! Tötet sie! Tut alles, was in eurer Macht steht, um sie zu stoppen!« Die Männer, die jetzt noch hier ausharrten, waren kampfbereit. Nicht wenige von ihnen waren Mitglieder im verbotenen Lehr und Wehr Verein, der einige Hundert Arbeiter militärisch ausbildete. Auch Adolph Fischer trug stolz eine Gürtelschnalle mit der Aufschrift »L.&W. V«. Andreas hatte Sophie versprochen, um zehn zu Hause zu sein. Sie hatte ihn gebeten, nicht zu dieser Kundgebung zu gehen, nach dem, was gestern bei McCormick geschehen war. Andreas aber wollte gegenüber seinen Kollegen von der Arbeiter-Zeitung nicht als Feigling dastehen. August Spies hatte ihm gerade freundlich zugenickt und auch Adolph Fischer war eben noch hier gewesen, allerdings hatte Andreas ihn in der Dunkelheit aus den Augen verloren.

»Uns wurde der Krieg erklärt«, rief Fielden. Seine kräftige Stimme hallte trotz des Windes von den Fassaden der unbeleuchteten Fabrik- und Geschäftsgebäude auf beiden Straßenseiten wider. »Und ich fordere euch auf: Nutzt, was ihr könnt, um dem Angriff des Feindes zu widerstehen!« Der Redner hielt inne und schien über die Menge hinweg etwas zu beobachten. Jemand rief: »Da kommen die Bluthunde!«

Ungefähr zweihundert Polizisten marschierten im Eiltempo, in voller Straßenbreite und in mehreren Reihen hintereinander auf die Kundgebung zu. Viele der Uniformierten hatten Schlagstöcke in der Hand, manche sogar Revolver. Die Menge wich zurück.

 

Als die Polizisten den Wagen mit dem Redner beinahe erreicht hatten, befahl ihnen ein Hauptmann anzuhalten. Andreas sah neben dem Hauptmann den berüchtigten Chefinspektor John Bonfield stehen. Bonfield war in Chicago für sein brutales Vorgehen gegen Demonstranten bekannt. Er hatte auch die gewaltsame Niederschlagung der Proteste am Vorabend bei McCormick angeführt. Bonfield nickte dem Hauptmann zu. Der verkündete mit lauter Stimme: »Ich befehle euch im Namen des Volkes von Illinois, sofort friedlich auseinanderzugehen.«

Friedlich, dachte Andreas zornig. Die Polizisten standen mit Waffen in der Hand da! Dass Bonfield das Kommando führte, ließ ihn Böses ahnen. Andreas hatte letzten Sommer beim Streik der Straßenbahner mit eigenen Augen gesehen, wie Bonfield einen unbeteiligten alten Mann bewusstlos geknüppelt hatte.

August Spies kletterte zurück auf den Wagen und flüsterte Fielden ein paar Worte ins Ohr. Dieser rief daraufhin in Richtung Polizei: »Wir sind friedlich!«

Auf dem Platz herrschte absolute Stille. Der Hauptmann wiederholte seinen Befehl Wort für Wort.

»Schon gut, wir gehen ja«, sagte Fielden nach kurzem Zögern und Spies und er machten sich daran, vom Wagen zu steigen. In diesem Augenblick nahm Andreas ein zischendes Geräusch wahr. Er folgte Fieldens Blick und sah einen kleinen Gegenstand, der an einem Ende glühte, von der Seite her in die Reihen der Polizisten fliegen. Er wunderte sich, dass jemand seine Zigarre in so hohem Bogen wegwarf, und wurde im nächsten Moment von einer gewaltigen Detonation gegen den Wagen geworfen. Danach war es stockdunkel, die Flamme der einzigen Gaslaterne in der Straße war von der Druckwelle gelöscht worden. Andreas klangen die Ohren. Nach zwei oder drei Sekunden unheilvoller Stille begannen Schüsse zu fallen. Erst vereinzelt, dann beinahe ununterbrochen.

Es herrschte Chaos. Schreie, Schüsse, Hunderte Menschen, die fortzulaufen versuchten. Andreas wurde von der Menge gegen eines der großen Wagenräder gedrückt. Nur mit größter Mühe gelang es ihm, sich frei zu machen und unter das Fuhrwerk zu kriechen. Seine Gedanken rasten. War das Dynamit gewesen? Andreas musste an Adolph Fischer und seine Schwärmerei für den Sprengstoff denken.

Zwei Männer krochen unter den Wagen, ohne Andreas in der Dunkelheit zu bemerken. »Diese Idioten feuern auf alles, was sich bewegt!«, fluchte einer von ihnen auf Englisch und mit irischem Dialekt. Der andere schrie: »Nicht schießen, Kollegen!« Das waren Polizisten! Andreas rutschte auf allen vieren rückwärts. Die Polizisten waren sicher nur eine Armlänge von ihm entfernt. Er zögerte, unter dem Wagen hervorzukommen und wegzulaufen, denn noch immer fielen Schüsse. Als er sich endlich einen Ruck geben wollte, zündete einer der Polizisten ein Streichholz an. Er musste irgendetwas gehört haben. Er sah Andreas, fasste ihn sofort am Arm, wartete einen Augenblick und zerrte ihn schließlich ins Freie. Andreas, der eher schmächtig gebaut war, wagte es nicht, sich zu wehren. Der zweite Polizist tastete ihn nach Waffen ab und legte ihm eine Handschelle an. Die zweite Handschelle machte er an einem Wagenrad fest. »Lass uns hier warten, bis jemand mit einer Laterne kommt«, sagte er dabei zu seinem Kollegen.

Überall lagen stöhnende Menschen in der Dunkelheit. Von der Wache her kamen schon bald Uniformierte mit Laternen angelaufen und begannen hastig, nach verletzten Kollegen zu suchen und sie wegzutragen. Andreas sah Bonfield mit einer Pistole in der Hand mitten auf der Straße stehen und Befehle geben. Arbeiter, die von Kugeln getroffen waren, wurden ignoriert, solange sie es nicht wagten, aufzustehen. Taten sie das, bekamen sie den Schlagstock zu spüren oder wurden von Polizisten fortgezerrt. Auch der kräftige Polizist, der Andreas vom Wagen losmachte und mit eisernem Griff am Oberarm in Richtung Wache führte, teilte auf dem Weg dorthin Schläge aus, als ihm ein verletzter und anscheinend verwirrter Arbeiter zu nahe kam. Andreas hatte Angst und dachte an Sophie und an Ella, ihre kleine Tochter, die gerade erst ein halbes Jahr alt geworden war. Sophie würde sich Sorgen machen, wenn er nicht nach Hause käme. Zum Glück war er unverletzt geblieben und er hielt es für ratsam, nicht den Zorn der ohnehin schon wütenden Polizisten auf sich zu ziehen. Er war unbewaffnet und hatte nichts Gesetzwidriges getan, da würde man ihn sicher spätestens am Morgen wieder laufen lassen.

Der Polizist stieß Andreas die Treppe zum Eingang der Wache hinauf. Im Inneren kümmerten sich unverletzte Polizisten um ihre auf Tischen, Bänken und dem Boden liegenden Kollegen, die zumeist Verletzungen an den Beinen hatten und deren Uniformhosen zerfetzt und blutig waren. Andreas hatte noch nie in seinem Leben so viel Blut gesehen. Einige der Verletzten stöhnten oder wimmerten vor Schmerzen. Auf einem Tisch lag ein Mann, dessen Uniform auch am Bauch blutdurchtränkt war. Sein Gesicht war mit einer Jacke bedeckt. Ein Polizist trat wortlos an Andreas heran und schlug ihm die Faust so hart ins Gesicht, dass er in die Knie ging. Der Mann, der ihn abgeführt hatte, zerrte ihn wieder auf die Beine und die Treppe zum Keller hinunter, in einen langen Gang mit zahlreichen eisernen Türen auf beiden Seiten. Andreas war benommen. Der Polizist öffnete eine der Türen und stieß ihn, ohne noch etwas zu sagen, hinein. Die Tür fiel ins Schloss und Andreas war allein in einer dunklen Zelle.

* * *

Wie es weiter geht, könnt ihr in meinem neuen Auswanderer-Krimi "Mit Müh und Not" erfahren.

"Wie auch mit den ersten beiden Bänden schaffte Kai Blum es erneut, mich zu begeistern. Authentisch schildert er die historischen Ereignisse und hat die fiktiven Charaktere mit ihren Erlebnissen gekonnt eingebaut." (Die-Rezensentin.de)

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Mit der Demonstration am 1. Mai 1886 und den Ereignissen der nachfolgenden Tage war der internationale Kampftag der Arbeiter geboren, den es in den USA allerdings seit 1942 nicht mehr gab. Die Kommunistische Partei der USA verzichtete während des Zweiten Weltkrieges auf alle Proteste und Streiks. Eine Wiederbelebung nach dem Krieg wurde durch Verbote unterbunden.

Dienstag, 4. April 2017

Auswanderer-Krimis auch in den USA als E-Books erhältlich

Liebe Leser in den USA,

meine Auswanderer-Krimis gibt es auch hier als E-Books zu kaufen: "Hoffnung ist ein weites Feld", "Man erntet, was man sät" und "Mit Müh und Not".

Rezensionen:

"Die Seiten fliegen nur so dahin." (Die Liebe zu den Büchern)

"Kurzweilig, spannend und sehr informativ." (Histo-Couch.de)

"Sehr vielschichtig und unglaublich spannend." (Stephis Bücher Blog)

"Ein spannendes Buch, in dem historische Fakten gekonnt ins Krimi-Genre eingebettet werden." (Das Magazin)

"Wie auch mit den ersten beiden Bänden schaffte Kai Blum es erneut, mich zu begeistern. Authentisch schildert er die historischen Ereignisse und hat die fiktiven Charaktere mit ihren Erlebnissen gekonnt eingebaut." (Die-Rezensentin.de)

Samstag, 18. März 2017

New York - Eine Stadt voller Geschichten

Meine Autoren-Kollegin Petrina Engelke lebt seit sieben Jahren in New York und betreibt das äußerst lesenswerte Blog Moment: New York. Ihr kürzlich erschienener Fettnäpfchenführer New York macht mit vielen Insider-Tipps so richtig Lust auf die Stadt. Das Buch ist eine tolle Ergänzung zu jedem Reiseführer und auch allen zu empfehlen, die länger in New York bleiben wollen. Ich hatte diese Woche die Gelegenheit, Petrina einige Fragen stellen:

Warum gefällt dir New York?

Ich bin Geschichtenerzählerin, und New York steckt voller Geschichten – das passt einfach. New York gibt mir das Gefühl, dass in dieser Stadt alles möglich ist, dass die Menschen hier ihr Glück machen und im nächsten Moment alles verlieren und deshalb noch lange nicht aufgeben. In New York kann ich in Glitzerhose oder im Hosenanzug oder in Glitzerhose mit Anzugjacke herumlaufen oder ohne Hose, macht ja nichts: Wir haben hier im Januar sogar einen „No Pants Subway Ride“! Ich könnte mir morgen vornehmen, auf dem Parkett der Wall Street oder auf einem Tugboat anzuheuern. Das zu schaffen würde echt harte Arbeit, insbesondere, wenn ich auf meine Glitzerhose bestehe, die ich übrigens gar nicht besitze. Aber es wäre auch nicht unmöglich, und der Geist der Stadt sagt lieber „Klar, versuch das mal!“ als „Bist du irre?“.

New York selbst verändert sich ja auch ständig: Hier eröffnet ein neuer Park oder eine Hundetagesstätte, da macht ein Haus Platz für einen Wolkenkratzer oder verschwindet ein Job, und dazwischen brodeln gesellschaftliche Fragen. Mir gefällt die Vielfältigkeit dieser Stadt, allein schon mit einer U-Bahn-Fahrt erlebt man die unterschiedlichsten Menschen, während man anderswo leicht vergisst, dass die Welt alles andere als gleichförmig ist. Mich fasziniert auch die Insellage – Manhattan ist ja nur eine von vielen Inseln New Yorks! – und wie sie sich auf das Leben in der Stadt auswirkt.

No Pants Subway Ride: An einem Tag im Januar verabreden sich New Yorker dazu, in Unterwäsche U-Bahn zu fahren. (Foto: Petrina Engelke)

Da muss ich gleich mal nachhaken: Wie wirkt sich die Insellage denn aus?

Sie prägt das Verhalten und auch ein Stück Identität. New York hat sichtbare Bezüge zum Fest- und Ausland. Hier kannst du die Containerschiffe sehen, die die Stadt und die Umgebung mit Heizöl, Smartphones, Bananen oder Riesenrad-Bauteilen versorgen, und manchmal auch die Lastkähne, die den Müll abtransportieren, und ein Großteil des Dauerstaus in Manhattan rührt von Lieferwagen und Berufspendlern, die über Brücken und durch Unterwassertunnel kommen. Trotzdem wissen die Bewohner: Wenn es hart auf hart kommt, sind wir auf uns gestellt. Und ich glaube, das führt dazu, dass sich die New Yorker so schnell zusammentun und einander helfen nach Katastrophen wie Hurricane Sandy oder 9/11, als übrigens auch sämtliche Brücken und Tunnel geschlossen waren.

Die Stadt kann sich außerdem nicht räumlich ausbreiten, um mehr Menschen Platz zu bieten. Dieser Dichte begegnen New Yorker mit einem pragmatischen Verhalten, das für Leute von außen zum Teil schwer zu verstehen ist. Zum Beispiel geht es beim Imbiss-Bestellen zack, zack – nicht weil New Yorker ungeduldig sind, sondern weil hinter ihnen noch zehn Leute mit ebenso kurzer Mittagspause warten.

Tempo: Hinweisschild für Touristen am Times Square (Foto: Petrina Engelke)

Gewöhnt man sich schnell an das Tempo dieser Stadt?

Das Gehtempo fand ich fast normal, weil ich auch in meiner Heimat schon einen flotten Schritt hatte. Trotzdem musste ich erst begreifen, wie – und wie schnell – der Hase läuft in New York. Dass ich das aber dann gleich verinnerlicht hatte, merkte ich erst bei einem Besuch in Deutschland: Dort geht mir jetzt vieles zu langsam, und ich wundere mich, dass die Leute ohne Murren 20 Minuten auf eine U-Bahn warten.

Wie lange hat es insgesamt gedauert, bis du dich in New York eingelebt hattest?

Schwer zu sagen. Ich war vor meinem Umzug mehrere Male in New York, zweimal davon für längere Zeit, ich war also nicht unvorbereitet auf das, was mich erwarten würde. Aber ein Anhaltspunkt fällt mir ein: Als mich einmal eine Freundin besuchte, bemerkte sie, dass ich komplett ohne U-Bahn-Plan unterwegs war. Das war nach ungefähr einem Jahr in New York.

Gab es trotz der vorherigen Aufenthalte dann doch etwas, das dich überrascht hat?

Na klar! Mal abgesehen davon, dass sich New York ständig verändert und mich auch jetzt noch mit neuen oder verschwundenen Dingen überrascht: Ich dachte früher, dass Deutschland mit seinem Beamtentum und dem dazugehörigen Klischee wohl Spitzenreiter in Sachen Bürokratie sein muss. Aber was ich bei Behördengängen hierzulande schon alles ausgefüllt und erlebt habe, macht dem durchaus Konkurrenz. Das hätte ich nicht erwartet. Außerdem hat mich die Obst- und Gemüseabteilung im Supermarkt überrascht: Die frische Ware ist oft wunderschön präsentiert, mit versetzt gestapelten Äpfeln oder Orangen, in Reih und Glied liegenden Möhren oder Maiskolben, und es gibt eine Riesenauswahl an Sorten, die ich nicht kannte – allein grüne Blattgemüse wie Collard Greens, Brunnenkresse, Dinosaurierkohl, Regenbogen-Mangold ...

Gemüse: Bunte Ordnung im Supermarkt (Foto: Petrina Engelke)

Das widerspricht natürlich dem Klischee vom Fastfood liebenden Amerikaner. Welche anderen Klischees sollten endlich einmal über Bord geworfen werden?

Über Bord gehen sollte die Idee von „dem Amerikaner“ an sich, egal welches Klischee hintendran hängt. Die Menschen hier haben so unterschiedliche Träume, Ängste und Lebensläufe, es ist schlicht unmöglich, dass dabei immer derselbe Typ herauskäme. Wer sich nicht davon abbringen lassen will, dass alle Amerikaner dick sind, müsste entsprechend beim Herumlaufen in New York Millionen Menschen übersehen und konsequent auf Basketball, Ballett und Fashion Shows verzichten. Wahrscheinlich geht das irgendwie. Ich finde aber, das Reisen – und auch der Alltag in der Fremde – wird viel angenehmer und spannender, wenn man Interesse an dem zeigt, was einem seltsam vorkommt, statt nach Bestätigung für vorher gefasste Meinungen zu suchen.

Wer mehr über die ungeheure Vielfalt New Yorks erfahren möchte, sollte den Fettnäpfchenführer New York und Petrinas reichbebildertes Blog Moment: New York - Geschichten aus der irrsten Stadt der Welt lesen.

Freitag, 10. Februar 2017

Auswandern in die USA

Wer ans Auswandern in die USA denkt, muss eine Menge Dinge berücksichtigen. Dieser Artikel soll als Einführung in das komplexe Thema dienen. Wer sich ernsthaft für eine Auswanderung oder einen längeren USA-Aufenthalt entscheidet, kann ganz ausführliche Informationen in meinem Buch Alltag in Amerika. Leben und Arbeiten in den USA finden, das es mittlerweile in der 5. Auflage gibt und in das meine Erfahrungen aus 22 Jahren in den USA eingeflossen sind.

Mit welchem Visum in die USA?

Grundsätzlich gibt es zwei Visa-Kategorien: Einwanderungsvisa und Nichteinwanderungsvisa.

Einwanderungsvisa ermöglichen einen zeitlich unbegrenzten Aufenthalt und berechtigen gleichzeitig zum Arbeiten in den USA. Einwanderungsberechtigt sind u.a. die Ehepartner, minderjährigen Kinder und Eltern von US-Staatsangehörigen. Ein Einwanderungsvisum kann man aber auch durch die Teilnahme an der Green Card Lotterie oder als Investor, der mindestens 500.000 Dollar investieren und zehn Vollzeitarbeitsplätze schaffen will, bekommen.

Nichteinwanderungsvisa gibt es für Besuche, die länger als 90 Tage dauern sollen, für den Besuch einer amerikanischen High School bzw. ein Studium, für Praktika, Ferienjobs, Au-Pair und befristete Beschäftigungen bzw. Handels- und Geschäftsaktivitäten in den USA.

Ausführliche Informationen zu den verschiedenen Visa, zum Erhalt einer amerikanischen Sozialversicherungsnummer und zum Erhalt der amerikanischen Staatsbürgerschaft (bei gleichzeitiger Beibehaltung der deutschen Staatsangehörigkeit) gibt es in Alltag in Amerika.

Finanzielle Aspekte des Auswanderns

Die finanziellen Mittel, die einem für die Anfangsphase in den USA zur Verfügung stehen, entscheiden ganz wesentlich darüber, wie stressig die Auswanderung wird. Wer sich bereits eine gut bezahlte Arbeit gesichert hat, wird davon zwar weniger betroffen sein, als jemand der sich noch einen Job suchen muss, jedoch sollte man unbedingt damit rechnen, dass z.B. Lebensmittel in den USA teurer sind als in Deutschland, dass man beim Arzt und für Medikamente deutlich mehr ausgeben muss, und dass man als Neuankömmling wahrscheinlich Kautionen für Wohnung, Strom und Gas sowie Internet und Telefon hinterlegen muss. Der Grund dafür ist die fehlende Credit History, was es anfangs auch so gut wie unmöglich macht, etwas auf Kredit zu kaufen.

Zum Weiterlesen: Wie man sich eine Credit History in den USA aufbaut

Umzug in die USA

Wenn man ausreichende finanzielle Mittel hat, kann man eine Spedition mit dem Transport des Hausrats beauftragen. Man sollte jedoch auf jeden Fall daran denken, dass viele Elektrogeräte in den USA nicht oder nur umständlich betrieben werden können, dass Wohnungen in den USA bereits eingebaute Küchen und meistens auch begehbare Kleiderkammern haben und dass die Einfuhr von Autos sehr kompliziert ist. Auch die Einfuhr von Pflanzen ist streng geregelt.

Für Hund und Katze benötigt man englischsprachige Gesundheitszeugnisse, inklusive einer Bescheinigung, dass mindestens 30 Tage vor der Einreise in die USA eine Tollwutimpfung vorgenommen wurde.

Die Einfuhr anderer Tiere, wie Schildkröten und Nagetiere, ist strenger geregelt. Vögel müssen 30 Tage in Quarantäne verbringen, was nur an drei Flughäfen (JFK New York, Miami und Los Angeles) möglich ist und vorab angemeldet werden muss.

Wohnungssuche und Hauskauf in den USA

Das Angebot an Mietwohnungen ist in der Regel groß und die Preisunterschiede sind enorm. Man sollte sich Wohnung und Umfeld genau anschauen bevor man einen Mietvertrag, der normalerweise eine Dauer von einem Jahr hat, unterschreibt.

Zum Weiterlesen: Wohnung mieten in den USA – 10 Dinge, die man unbedingt beachten sollte

In Sachen Hauskauf in den USA sollte man nichts überstürzen. Man ist gut beraten, sich erst einmal mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut zu machen, und dann die kostenlose Hilfe eines Immobilienmaklers heranzuziehen. (In den USA teilen sich der Makler des Verkäufers und der Makler des Käufers die Provision, die immer vom Verkäufer gezahlt wird.) Man sollte sich in Ruhe verschiedene Immobilien anschauen und bei Interesse den Preis herunterhandeln. Umfangreiche Informationen dazu gibt es in meinem Buch Immobilien in den USA: Ratgeber für alle zukünftigen Wohneigentümer.

Arbeitssuche und Bewerbung

Man sollte nicht nur die USA-typischen Besonderheiten bei der Bewerbung beachten, die in Alltag in Amerika ganz ausführlich dargestellt werden, sondern auch daran denken, dass der potentielle Arbeitgeber die Namen der Bewerber googelt und sich anschaut, ob das Profil bei LinkedIn aussagekräftig ist und was man so in den sozialen Medien von sich gibt.

Ein gut ausgebautes Profil bei LinkedIn kann auch dazu führen, dass ein Recruiter, also ein Jobvermittler, auf einen aufmerksam wird. Auf diesem Weg kann man durchaus einen attraktiven Job landen. Vorsicht vor schwarzen Schafen: Ein legitimer Recruiter wird immer vom zukünftigen Arbeitgeber bezahlt und fragt auch nicht nach der Sozialversicherungsnummer.

Bei der Bewerbung sollte man sich nicht unter Wert verkaufen und im Bewerbungsgespräch kommt es gut an, Erfolgsbeispiele parat zu haben und auch darlegen zu können, wie man mit schwierigen Situationen umgeht.

Urlaub und Feiertage

Man sollte darauf gefasst sein, in den USA wesentlich weniger Urlaub als in Deutschland zu haben. Zehn Urlaubstage im Jahr sind normal, fünfzehn schon recht gut. Nur wenige Arbeitgeber, wie z.B. Universitäten, bieten mehr Urlaub an.

Gesetzliche Feiertage gibt es nur für die Angestellten der Bundesregierung. Die meisten Arbeitgeber geben dieselben Tage frei, sind dazu aber nicht verpflichtet. Fällt ein Feiertag aufs Wochenende, ist normalerweise der folgende Montag frei.

Soziale Absicherung in den USA

In den USA kann man von heute auf morgen und ohne Grund entlassen werden. Arbeitslosengeld gibt es in der Regel bis zu sechs Monate, allerdings nur wenn man die Arbeit ohne eigenes Verschulden verloren und zuvor eine bestimmte Anzahl von Tagen gearbeitet hat. Die Regelungen unterscheiden sich von Bundesstaat zu Bundesstaat. Man ist auf jeden Fall gut beraten, ein finanzielles Polster für mehrere Monate zurückgelegt zu haben.

Sozialhilfe wird nur an jene gezahlt, die sich um eine Arbeit bemühen, und ist oft auf fünf Jahre im Leben beschränkt.

Das Rentenalter beginnt nach Vollendung von 65 Jahren für alle, die vor 1959 geboren wurden und mit 67 Jahren für alle, die seit 1959 das Licht der Welt erblickt haben. Viele Amerikaner investieren in eine private Altersvorsorge, um die staatliche Rente aufzubessern.

Übrigens ist die USA eines von ganz wenigen Ländern, die keinen gesetzlichen Mutterschutz-Urlaub haben. Nur Arbeitgeber mit mehr als 50 Mitarbeitern sind verpflichtet, den Arbeitsplatz der Mutter für drei Monate freizuhalten. Kein Arbeitgeber ist verpflichtet, Lohn oder Gehalt weiter zu zahlen.

Das amerikanische Gesundheitswesen

Das Gesundheitswesen in den USA ist komplizierter und teurer als in Deutschland. Seit 2014 ist man verpflichtet, eine Krankenversicherung abzuschließen. Alle Krankenversicherungen laufen über private Anbieter und es gibt erhebliche Unterschiede bei den Preisen und Leistungen. Für untere Einkommensschichten gibt es die Möglichkeit von Geldzuschüssen, sodass man ausgewählte Versicherungen preiswerter bekommen kann. Allerdings akzeptiert nicht jeder Arzt diese Versicherungen.

Dieses wichtige Thema, über das man sich gründlich informieren sollte, wird ebenfalls ausführlich in diesem Buch behandelt:

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Ich hoffe, dass dieser Beitrag dabei hilft, Gedankenanstöße zum dem umfangreichen Thema Auswandern in die USA zu geben. Natürlich befindet sich jeder in einer individuellen Lebenssituation, aber die oben angesprochenen Bereiche sollte man auf jeden Fall berücksichtigen.

Samstag, 28. Januar 2017

Kabelbahnen in Chicago

Wenn man das Wort Kabelbahn hört, denkt man sofort an San Francisco, dem einzigen Ort, wo heute noch Kabelstraßenbahnen verkehren, die durch ein Umlaufseil angetrieben werden.

Kaum bekannt ist, dass es Ende des 19. Jahrhunderts in 29 amerikanischen Städten Kabelbahnen gab, von denen Chicago mit 66 km das zweitlängste Streckennetz hatte. (San Francisco hatte damals rund 8o km, heute sind es nur noch 8 km.) Kabelbahnen wurden also nicht nur in bergigem Gelände, wie in San Francisco, eingesetzt, sondern auch in flachen Städten wie Chicago.

 
Kabelbahnen lösten Pferdebahnen ab und wurden dann wiederum von elektrischen Straßenbahnen ersetzt. Ende des 19. Jahrhunderts existierten in vielen amerikanischen Großstädten alle drei Technologien nebeneinander. Insgesamt war das Leben der Kabelbahnen allerdings recht kurz, in Chicago z.B. fuhren sie von 1882 bis 1906.

 
Angetrieben wurden die meilenlangen Seile, die zwischen den Schienen unter der Erde verliefen, durch zentrale Dampfmaschinen. Die Seile liefen während der Betriebszeit ohne Unterbrechung und die Straßenbahntriebwagen konnten sich mit einer Greifvorrichtung mit dem Seil verbinden und so ziehen lassen. An Haltestellen und an Kreuzungen wurde diese Verbindung unterbrochen und die Wagen konnten gebremst werden.

Die Greifvorrichtung, die von dem Fahrer bedient wurde, war durch ein schmales Gestänge, das durch einen Spalt zwischen den Schienen passte, mit dem Wagen verbunden. Dieser Spalt musste sehr schmal sein, damit sich die zahlreichen Pferde im Straßenverkehr nicht die Beine brachen.

Anders als San Francisco war Chicago flach und lag in einem nördlichen Klima, mit Eis und Schnee im Winter. Nachdem Kabelbahnen auch hier erfolgreich eingeführt wurden, folgten zahlreiche andere Städte mit ähnlichen Bedingungen, z.B. St. Louis und New York. So fuhr von 1883 bis 1908 eine Kabelbahn über die Brooklyn Bridge.

Heute gibt es in Chicago kaum noch Spuren der Kabelbahnen. Dieses Gebäude in der LaSalle Street beherbergte ursprünglich eine der gewaltigen Dampfmaschinen, mit denen die Kabel angetrieben wurden:

In meinem Auswanderer-Krimi "Mit Müh und Not", der 1886 in Chicago handelt, kommen natürlich auch Kabelbahnen vor.

"Wie auch mit den ersten beiden Bänden schaffte Kai Blum es erneut, mich zu begeistern. Authentisch schildert er die historischen Ereignisse und hat die fiktiven Charaktere mit ihren Erlebnissen gekonnt eingebaut." (Die-Rezensentin.de)

"Man spürt regelrecht die gespannte Atmosphäre in der Stadt." (Histo-Couch.de)

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