Sonntag, 16. April 2017

Die Haymarket Riot in Chicago

Am 1. Mai 1886 demonstrieren 80.000 Arbeiter auf der Michigan Avenue in Chicago für den Achtstundentag. Drei Tage später explodiert auf dem Haymarket eine Bombe. Haben Anarchisten oder bezahlte Agenten des Kapitals die Tat begangen? Um diese Frage geht es in meinem neuen Krimi "Mit Müh und Not".

Das erste Kapitel, das es hier als bebilderte Leseprobe gibt, schildert den Ablauf des Ereignisses, das als sogenannte "Haymarket Riot" in die Geschichte eingegangen ist.

 

4. Mai 1886

Ein leichter Nieselregen setzte ein. Andreas Brenner stand in der ersten Reihe vor dem als Bühne genutzten Pferdewagen und knöpfte sich die Jacke zu. Hinter sich hörte er Gemurmel und gelegentliche Zwischenrufe aus der Menge, die in der dunklen Straße versammelt war, um die führenden Anarchisten Chicagos reden zu hören.

Andreas arbeitete seit anderthalb Jahren als Schriftsetzer bei der auf Deutsch erscheinenden Arbeiter-Zeitung. Deren Chefredakteur August Spies hielt heute Abend die erste Rede. Am Vortag waren streikende Arbeiter der McCormick-Landmaschinenfabrik von der Polizei angegriffen worden, nachdem sie Streikbrecher attackiert hatten. Davon sprach August Spies. Er hatte mit ansehen müssen, wie zwei Arbeiter im Kugelhagel starben und unzählige verletzt wurden. Die bürgerlichen Zeitungen berichteten heute, er hätte die Arbeiter aufgewiegelt. Doch in seiner Rede verteidigte er sich: Er habe sich bei den ebenfalls streikenden Arbeitern auf den nahe gelegenen Holzumschlagplätzen aufgehalten und sei ihnen nur zu den Tumulten vor dem Fabriktor gefolgt.

Andreas dachte an gestern: Er war in der Setzerei, als Spies am späten Nachmittag sehr aufgebracht mit den englischen und deutschen Texten für ein zweisprachiges Flugblatt hereinkam. Darin schilderte er die Geschehnisse bei McCormick und rief zum Widerstand auf. Die Schlagzeilen lauteten »Workingmen, to Arms!« und »Arbeiter, zu den Waffen!«. Ein Kollege von Andreas fügte beim Setzen noch in fetten Buchstaben die Worte »Revenge« und »Rache« hinzu.

Die heutige Kundgebung fand statt, um gegen das Vorgehen der Polizei zu protestieren. Spies erinnerte seine Zuhörer an eine Reihe von Vorfällen in den letzten Monaten und Jahren, bei denen die Polizei streikende Arbeiter getötet hatte. »Warum ermordeten die Bluthunde der Ausbeuter eure Brüder?«, rief er den Arbeitern zu. »Weil sie den Mut hatten, mit dem Los unzufrieden zu sein, das die Ausbeuter ihnen beschieden hatten. Sie forderten Brot und man antwortete ihnen mit Blei.« Spies sah kurz in die Runde und fuhr fort: »Viele Jahre habt ihr die Demütigungen ohne Widerspruch hingenommen, habt euch vom frühen Morgen bis zum späten Abend geschunden, habt Entbehrungen jeder Art ertragen, um die Kassen der Herren zu füllen. Und jetzt, wo ihr vor sie hintretet und sie bittet, eure Bürde etwas zu erleichtern, da hetzen sie zum Dank ihre Bluthunde auf euch, um euch mit Bleikugeln von der Unzufriedenheit zu kurieren. Arbeiter, ihr seid am Scheideweg angelangt! Wofür entscheidet ihr euch? Für Sklaverei und Hunger oder für Freiheit und Brot?«

Aus der Menge kamen Rufe: »Freiheit! Brot!«

Als Nächster sprach Albert Parsons, der Herausgeber der Wochenzeitung The Alarm und der bekannteste englischsprachige Redner der anarchistischen Internationalen Arbeiter-Assoziation, die alle nur die Internationale nannten. Im Sommer kamen jeden Sonntag Tausende Arbeiter zum Lake Front Park am Ufer des Michigansees, um ihn reden zu hören.

Auch an diesem Abend riss Parsons das Publikum mit. Er prangerte insbesondere das Verhalten der Staatsmacht an: »Statt das Volk, also euch, die Arbeiter, zu schützen, verstehen es Polizei und Nationalgarde als ihre Aufgabe, die Macht des Kapitals zu erhalten.« Seine Stimme wurde lauter. »Freiwillig werden euch die Blutsauger nichts geben, keinen Achtstundentag, keinen fairen Lohn, keine Mitbestimmung. Aber der Tag naht, an dem die Arbeiter in der ganzen Welt die Fesseln der Lohnsklaverei abschütteln und die Ausbeuterklasse vernichten werden!«

Andreas bewunderte Spies und Parsons. Seit Monaten hatten sie die Arbeiter dazu aufgerufen, sich zu bewaffnen, damit sie sich gegen die brutalen Übergriffe der Polizei schützen konnten. Die beiden waren jedoch gemäßigt im Vergleich zu dem in New York lebenden Johann Most, der ganz offen zum gewaltsamen Umsturz aufrief. Most hatte auch in Chicago eine ganze Reihe von Anhängern. Darunter war der Vorarbeiter in der Setzerei der Arbeiter-Zeitung, Adolph Fischer. Kein Tag verging, an dem Fischer nicht genau wie Most von der »Propaganda der Tat« und der befreienden Kraft des Dynamits schwärmte.

Spies wurde das oft zu viel, und auch heute Morgen hatte er wieder heftig mit Fischer gestritten. Der hatte diese Kundgebung organisiert und den Text für das Ankündigungsflugblatt mit dem Satz »Arbeiter, bewaffnet euch und erscheint massenhaft« abgeschlossen. Spies jedoch wollte nur dann als Redner auftreten, wenn Fischer den Satz entfernte. Er fürchtete, dass durch einen Aufruf zur Bewaffnung viele Arbeiter abgeschreckt würden. Fischer hielt dagegen, dass Spies am Vortag nach den Vorfällen bei McCormick in seinem Flugblatt selbst den Satz »Arbeiter, zu den Waffen!« verwendet habe. Spies erwiderte, das wäre eher generell gemeint gewesen. So ging es hin und her.

Fischer willigte schließlich kopfschüttelnd ein, der Text wurde geändert und das Flugblatt neu gedruckt, aber einige Exemplare der alten Fassung waren wohl doch verteilt worden, denn Andreas hatte eines von ihnen in der Hand eines Kundgebungsteilnehmers gesehen. Wenn Spies das erfuhr, würde er sicher sehr ungehalten werden. Schon heute Abend nach seiner Ankunft auf dem Haymarket war er wütend geworden: Außer ihm war kein anderer Redner da und er musste sich selbst um weitere Sprecher kümmern. »Ich verstehe das nicht«, hatte Spies zu Andreas gesagt. »Was hat sich Fischer dabei gedacht, keine englischen Redner einzuladen? Der will Revolution machen, ist aber nicht mal in der Lage, eine Kundgebung auf die Beine zu stellen.«

Andreas mochte den trotz aller revolutionären Leidenschaft eher besonnen vorgehenden Spies. Für ihn war der Zeitpunkt für eine Revolution noch nicht gekommen, vor allem weil die Arbeiter nicht ausreichend organisiert waren. Eine Niederschlagung wie bei der Pariser Kommune vor fünfzehn Jahren musste unbedingt vermieden werden, hatte er neulich erst während einer Arbeitspause erklärt und betont, den Gewerkschaften käme eine besondere Rolle zu. Fischer dagegen nannte den Kampf um Reformen wie den Achtstundentag »nutzlose Spielerei«.

In Gedanken mit den Streitereien zwischen Spies und Fischer beschäftigt, hatte Andreas der Rede von Albert Parsons nur mit halbem Ohr zugehört. Der hatte gerade zu Ende gesprochen, begleitet von heftigem Applaus und zustimmenden Rufen. Parsons, der mit seiner Frau Lucy und seinen zwei kleinen Kindern gekommen war, stieg vom Wagen und gab bekannt, dass er wegen des stärker werdenden Regens mit seiner Familie in die nahe gelegene Arbeiterkneipe Zepf’s gehen würde.

Die meisten Teilnehmer hatten sich angesichts des Wetters schon auf den Heimweg gemacht, der letzte Redner fand daher nur noch ein paar Hundert hartgesottene Zuhörer: Samuel Fielden stieg auf die provisorische Bühne und sein langer Bart wehte im Wind. Der nordenglische Dialekt des kräftigen Fuhrmanns war unverkennbar, als auch er mit donnernder Stimme die Staatsgewalt verurteilte, die nur den Interessen des Kapitals diente. »Verliert sie nicht aus den Augen!«, rief er der Menge zu. »Haltet sie auf! Tötet sie! Tut alles, was in eurer Macht steht, um sie zu stoppen!« Die Männer, die jetzt noch hier ausharrten, waren kampfbereit. Nicht wenige von ihnen waren Mitglieder im verbotenen Lehr und Wehr Verein, der einige Hundert Arbeiter militärisch ausbildete. Auch Adolph Fischer trug stolz eine Gürtelschnalle mit der Aufschrift »L.&W. V«. Andreas hatte Sophie versprochen, um zehn zu Hause zu sein. Sie hatte ihn gebeten, nicht zu dieser Kundgebung zu gehen, nach dem, was gestern bei McCormick geschehen war. Andreas aber wollte gegenüber seinen Kollegen von der Arbeiter-Zeitung nicht als Feigling dastehen. August Spies hatte ihm gerade freundlich zugenickt und auch Adolph Fischer war eben noch hier gewesen, allerdings hatte Andreas ihn in der Dunkelheit aus den Augen verloren.

»Uns wurde der Krieg erklärt«, rief Fielden. Seine kräftige Stimme hallte trotz des Windes von den Fassaden der unbeleuchteten Fabrik- und Geschäftsgebäude auf beiden Straßenseiten wider. »Und ich fordere euch auf: Nutzt, was ihr könnt, um dem Angriff des Feindes zu widerstehen!« Der Redner hielt inne und schien über die Menge hinweg etwas zu beobachten. Jemand rief: »Da kommen die Bluthunde!«

Ungefähr zweihundert Polizisten marschierten im Eiltempo, in voller Straßenbreite und in mehreren Reihen hintereinander auf die Kundgebung zu. Viele der Uniformierten hatten Schlagstöcke in der Hand, manche sogar Revolver. Die Menge wich zurück.

 

Als die Polizisten den Wagen mit dem Redner beinahe erreicht hatten, befahl ihnen ein Hauptmann anzuhalten. Andreas sah neben dem Hauptmann den berüchtigten Chefinspektor John Bonfield stehen. Bonfield war in Chicago für sein brutales Vorgehen gegen Demonstranten bekannt. Er hatte auch die gewaltsame Niederschlagung der Proteste am Vorabend bei McCormick angeführt. Bonfield nickte dem Hauptmann zu. Der verkündete mit lauter Stimme: »Ich befehle euch im Namen des Volkes von Illinois, sofort friedlich auseinanderzugehen.«

Friedlich, dachte Andreas zornig. Die Polizisten standen mit Waffen in der Hand da! Dass Bonfield das Kommando führte, ließ ihn Böses ahnen. Andreas hatte letzten Sommer beim Streik der Straßenbahner mit eigenen Augen gesehen, wie Bonfield einen unbeteiligten alten Mann bewusstlos geknüppelt hatte.

August Spies kletterte zurück auf den Wagen und flüsterte Fielden ein paar Worte ins Ohr. Dieser rief daraufhin in Richtung Polizei: »Wir sind friedlich!«

Auf dem Platz herrschte absolute Stille. Der Hauptmann wiederholte seinen Befehl Wort für Wort.

»Schon gut, wir gehen ja«, sagte Fielden nach kurzem Zögern und Spies und er machten sich daran, vom Wagen zu steigen. In diesem Augenblick nahm Andreas ein zischendes Geräusch wahr. Er folgte Fieldens Blick und sah einen kleinen Gegenstand, der an einem Ende glühte, von der Seite her in die Reihen der Polizisten fliegen. Er wunderte sich, dass jemand seine Zigarre in so hohem Bogen wegwarf, und wurde im nächsten Moment von einer gewaltigen Detonation gegen den Wagen geworfen. Danach war es stockdunkel, die Flamme der einzigen Gaslaterne in der Straße war von der Druckwelle gelöscht worden. Andreas klangen die Ohren. Nach zwei oder drei Sekunden unheilvoller Stille begannen Schüsse zu fallen. Erst vereinzelt, dann beinahe ununterbrochen.

Es herrschte Chaos. Schreie, Schüsse, Hunderte Menschen, die fortzulaufen versuchten. Andreas wurde von der Menge gegen eines der großen Wagenräder gedrückt. Nur mit größter Mühe gelang es ihm, sich frei zu machen und unter das Fuhrwerk zu kriechen. Seine Gedanken rasten. War das Dynamit gewesen? Andreas musste an Adolph Fischer und seine Schwärmerei für den Sprengstoff denken.

Zwei Männer krochen unter den Wagen, ohne Andreas in der Dunkelheit zu bemerken. »Diese Idioten feuern auf alles, was sich bewegt!«, fluchte einer von ihnen auf Englisch und mit irischem Dialekt. Der andere schrie: »Nicht schießen, Kollegen!« Das waren Polizisten! Andreas rutschte auf allen vieren rückwärts. Die Polizisten waren sicher nur eine Armlänge von ihm entfernt. Er zögerte, unter dem Wagen hervorzukommen und wegzulaufen, denn noch immer fielen Schüsse. Als er sich endlich einen Ruck geben wollte, zündete einer der Polizisten ein Streichholz an. Er musste irgendetwas gehört haben. Er sah Andreas, fasste ihn sofort am Arm, wartete einen Augenblick und zerrte ihn schließlich ins Freie. Andreas, der eher schmächtig gebaut war, wagte es nicht, sich zu wehren. Der zweite Polizist tastete ihn nach Waffen ab und legte ihm eine Handschelle an. Die zweite Handschelle machte er an einem Wagenrad fest. »Lass uns hier warten, bis jemand mit einer Laterne kommt«, sagte er dabei zu seinem Kollegen.

Überall lagen stöhnende Menschen in der Dunkelheit. Von der Wache her kamen schon bald Uniformierte mit Laternen angelaufen und begannen hastig, nach verletzten Kollegen zu suchen und sie wegzutragen. Andreas sah Bonfield mit einer Pistole in der Hand mitten auf der Straße stehen und Befehle geben. Arbeiter, die von Kugeln getroffen waren, wurden ignoriert, solange sie es nicht wagten, aufzustehen. Taten sie das, bekamen sie den Schlagstock zu spüren oder wurden von Polizisten fortgezerrt. Auch der kräftige Polizist, der Andreas vom Wagen losmachte und mit eisernem Griff am Oberarm in Richtung Wache führte, teilte auf dem Weg dorthin Schläge aus, als ihm ein verletzter und anscheinend verwirrter Arbeiter zu nahe kam. Andreas hatte Angst und dachte an Sophie und an Ella, ihre kleine Tochter, die gerade erst ein halbes Jahr alt geworden war. Sophie würde sich Sorgen machen, wenn er nicht nach Hause käme. Zum Glück war er unverletzt geblieben und er hielt es für ratsam, nicht den Zorn der ohnehin schon wütenden Polizisten auf sich zu ziehen. Er war unbewaffnet und hatte nichts Gesetzwidriges getan, da würde man ihn sicher spätestens am Morgen wieder laufen lassen.

Der Polizist stieß Andreas die Treppe zum Eingang der Wache hinauf. Im Inneren kümmerten sich unverletzte Polizisten um ihre auf Tischen, Bänken und dem Boden liegenden Kollegen, die zumeist Verletzungen an den Beinen hatten und deren Uniformhosen zerfetzt und blutig waren. Andreas hatte noch nie in seinem Leben so viel Blut gesehen. Einige der Verletzten stöhnten oder wimmerten vor Schmerzen. Auf einem Tisch lag ein Mann, dessen Uniform auch am Bauch blutdurchtränkt war. Sein Gesicht war mit einer Jacke bedeckt. Ein Polizist trat wortlos an Andreas heran und schlug ihm die Faust so hart ins Gesicht, dass er in die Knie ging. Der Mann, der ihn abgeführt hatte, zerrte ihn wieder auf die Beine und die Treppe zum Keller hinunter, in einen langen Gang mit zahlreichen eisernen Türen auf beiden Seiten. Andreas war benommen. Der Polizist öffnete eine der Türen und stieß ihn, ohne noch etwas zu sagen, hinein. Die Tür fiel ins Schloss und Andreas war allein in einer dunklen Zelle.

* * *

Wie es weiter geht, könnt ihr in meinem neuen Auswanderer-Krimi "Mit Müh und Not" erfahren.

"Wie auch mit den ersten beiden Bänden schaffte Kai Blum es erneut, mich zu begeistern. Authentisch schildert er die historischen Ereignisse und hat die fiktiven Charaktere mit ihren Erlebnissen gekonnt eingebaut." (Annette Lunau, Die-Rezensentin.de)

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Dienstag, 4. April 2017

Auswanderer-Krimis auch in den USA als E-Books erhältlich

Liebe Leser in den USA,

meine Auswanderer-Krimis gibt es auch hier als E-Books zu kaufen: "Hoffnung ist ein weites Feld", "Man erntet, was man sät" und "Mit Müh und Not".

Rezensionen:

"Die Seiten fliegen nur so dahin." (Die Liebe zu den Büchern)

"Kurzweilig, spannend und sehr informativ." (Histo-Couch.de)

"Sehr vielschichtig und unglaublich spannend." (Stephis Bücher Blog)

"Ein spannendes Buch, in dem historische Fakten gekonnt ins Krimi-Genre eingebettet werden." (Das Magazin)

"Wie auch mit den ersten beiden Bänden schaffte Kai Blum es erneut, mich zu begeistern. Authentisch schildert er die historischen Ereignisse und hat die fiktiven Charaktere mit ihren Erlebnissen gekonnt eingebaut." (Die-Rezensentin.de)