Dienstag, 21. Januar 2014

Keine Angst vor Zugluft

Wer in den USA lebt, stellt im Laufe der Zeit mit Erstaunen fest, dass sich Amerikaner in keiner Weise vor Zugluft fürchten, sich nicht über einen schwachen Kreislauf beklagen und noch nie etwas von einem Hörsturz vernommen haben. Und zur Kur fahren sie auch nicht, denn diese ist in den USA als Konzept leider völlig unbekannt.

Dagegen ist die Arzneimittelwerbung allgegenwärtig und vermittelt das Bild, dass acid reflux disease (Refluxkrankheit/chronisches Sodbrennen), Schlaf- und Potenzstörungen sowie restless legs syndrome (unruhige Beine/Rastloser Schlaf) Volkskrankheiten sind. Die Medien insgesamt lassen auch den Eindruck entstehen, jedes zweite Kind sei entweder autistisch oder habe eine Erdnussallergie.

ADD (Aufmerksamkeitsstörung), Depressionen, Nebenhöhlenentzündung (sinus infection), Asthma, Allergien (besonders gegen Katzen), Lebensmittelvergiftung (food poisoning) und Lungenentzündung (pneumonia) scheinen ebenfalls weitverbreitet zu sein, letztere wahrscheinlich, weil man sich der gefährlichen Zugluft nicht bewusst ist. ;-)

Ich will damit nicht sagen, dass es keine Leute gibt, die ernsthaft von den erwähnten Krankheiten betroffen sind. Nur scheinen die Medien, insbesondere die Werbung, das Bild zu verzerren.


Kommentare:

  1. Und gleich nach der Werbung für die Medikamente laufen die Spots der class-action Anwaltskanzleien, die finanzielle Kompensation nach der Einnahme diverser Präparate in Aussicht stellen.

    Neben der "einfachen" Depression sind aber auch bipolare Störungen in der Werbung gerade mächtig im Kommen. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass in wenigen Wochen sich der Fokus bei den Allergien wieder auf Blütenpollen verschiebt.

    Was neben der Werbung einem Europäer auch auffällt ist der Umstand, daß vielfach eine unentgeltliche testweise Abgabe wie beim Drogendealer oder auch dauerhaft preislich reduzierte Abgabe für bestimmte Gruppen offeriert wird.

    Das ist vielleicht das eigentliche Kernproblem: der umfassende Medikamentenmißbrauch und der Irrglaube, nahezu alle Probleme lassen sich mit dem Chemiebaukasten im Wege des Neuo-Enhancement lösen.

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    1. Ja, viele Amerikaner neigen zu schnellen Lösungen. Eine Pille nehmen ist einfacher als etwas an der Lebensweise zu ändern und eine Operation geht schneller als monatelang Sport treiben, um abzunehmen. Und die Werbe-Agenturen sind wirklich gut darin, diese Lösungen anzupreisen. Mal ganz zu schweigen davon, dass die entsprechenden Pharma-Unternehmen Hunderte Millionen für ihre Propaganda ausgeben.

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  2. Hallo Kai,

    Mir ist aufgefallen, dass Leute hier zwar nicht den Unterschied zwischen "their" und "there" kennen, aber keine Probleme haben, den langen Namen ihrer Medikamente runterzurasseln! (Ob sie den allerdings fehlerfrei aufschreiben könnten, ist fraglich.)

    Dass Medikamente weitaus wichtiger genommen werden als die eigentliche Ursache einer Erkrankung, ersehe ich an dem erschreckenden Mangel am Interesse an Lebensführung und Ernährung von seiten der Ärzte. Mein Mann wird z.B. nie danach gefragt, wie hoch sein Stresslevel ist und wie er sich ernährt.

    Und wenn ich mal zum Arzt/zur Ärztin muß (was glücklicherweise nur äußerst selten vorkommt), zeigt man sich in der Arztpraxis immer sehr erstaunt, dass ich keinerlei Medikamente nehme/brauche.

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    1. Diese Erfahrung beim Arzt habe ich auch gemacht. Das "Gespräch" dauert zwei Minuten. Man erwähnt sein Problem, der Arzt ordnet einen Bluttest an und dann gibt es das entsprechende Medikament. (Ob das in Deutschland immer noch anders ist, weiss ich allerdings nicht, ich war seit 20 Jahren nicht bei einem deutschen Arzt.)

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    2. Andreas D. Rompf23.01.14, 04:49

      Das kommt hier in Deutschland wohl auf den Arzt an. Ich selbst habe fast nur gute Erfahrungen machen können. Mein jetziger Hausarzt nimmt sich immer viel Zeit für mich, kenne in allerdings auch schon seit meinen Kindertagen! Zwischenzeitlich hatte ich einen anderen (aufgrund Umzug), der sich auch relativ viel Zeit für mich nahm. Selbst bei einem Facharzt, bei dem ich wegen Sportverletzungen war, hatte ich gute Erfahrungen gemacht.
      Aber es geht auch ganz anders! Leider! Doch so lange es Leute gibt, die beim kleinsten Zipperlein zum Arzt rennen, wird sich an der allgemeinen Schnellabfertigung nicht viel ändern (können).

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  3. Dein Artikel entspricht genau meinen Beobachtungen. Die Volkskrankheiten sind hier in der Tat andere als in Deutschland. Potenzprobleme und zu hohe Cholesterinwerte zaehlen hier auch noch dazu, wenn man der Werbung glauben darf.

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    1. Ja, stimmt - und die Sorge wegen Dehydration. Acht Gläser Wasser am Tag müssen es schon sein ;-)

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  4. Hallo Kai!

    Ich vermittel dir mal ein paar Punkte, die mir während meines längeren Aufenthalts in den USA aufgefallen sind:
    Es ist egal was für Schmerzen und wie schlimm....die 1000er Packung der eklig roten Ibuprofen steht eigentlich in jedem Haushalt. Und wird auch gerne großzügig genommen. Kinder bekommen das dann als Saft gereicht.
    Ist einem Übel und hat Bauchweh denkt man nicht daran sich vielleicht einen Tee zu kochen (was ist das überhaupt??) oder eine Wärmflasche zu machen, nein, man trinkt ein süßes Sodapop-Getränk...natürlich wegen der Kohlensäure! (hä?)
    Und die Kinder bekommen Milch natürlich nur mit Vitamin D Zusatz. Sonst würden die armen Kinderchen ja ganz wabbelige Knochen bekommen und nicht wachsen, so wie sonst in anderen Teilen der Welt.
    Da wundert einem doch nicht mehr, dass es bunte Gummibärchen mit allen wichtigen Vitaminen (natürlich auch nur in 5kg Gläser..zumindest gefühlt) zu kaufen gibt- mit den liebsten Disney Charakteren drauf. Sonst würd die ja keiner essen ;)
    Als ich dann aber ne richtig dicke Erkältung bekam, hab ich keine anständigen Medikamente finden können...die frei erhältlichen Tabletten gegen sinus infection halfen überhaupt nicht und für meinen starken Husten brachte man mich cough drops mit..nenene da vertraue ich doch eher noch der deutschen Pharmaindustrie ;)

    Beste Grüße,

    Anne

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    1. Ich habe alle Allergie-Medikamente in den USA ausprobiert, nichts hat geholfen. Meine Freundin hat jetzt ein preiswertes franz. Nasenspray mitgebracht, das tatsaechlich wirkt. Insbesondere was die alltaeglichen Medikamente betrifft, ist der amerikanische Markt leider total vom Ausland abgeschottet, so dass man nicht immer die besten Mittel bekommen kann.

      Bei Husten empfehle ich den kanadischen Hustensaft Buckley's. Ansonsten sollte man sich bewaehrte Mittel mitbringen oder schicken lassen.

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  5. Sehr interessanter Artikel und vor allem Kommentate! :)

    Ich finde es immer erschreckend, dass 90% des TV Spots eines Medikaments Nebenwirkungen sind. Wogegen es eig hilft habe ich meist am Ende des Spots wieder vergessen.

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    1. Ich habe jetzt schon seit Ewigkeiten nicht mehr fern geschaut, aber ich fand es immer interessant, mit welchen Bildern man die Aufmerksamkeit der Zuschauer von den Nebenwirkungen, die verlesen wurden, ablenken wollte.

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  6. Spontan fallen mir zwei Werbungen ein:
    1) Alles mögliche gegen Mangelerscheinungen. Vitamine, Mineralien usw. Ist inzwischen in Deutschland auch Mode.
    2) da habe ich ja gedacht ich Fall vom Stuhl: Webung für ein Spray gegen "akute Mundtrockenheit"... Ich nehme mal an, da wird reines Wasser dringewesen sein..

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    1. Dieses Spray könnte ich mir gut mit Bier als aktivem Inhaltsstoff vorstellen :-)

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  7. Es tut mir echt Leid für Leute in Deutschland (oder der USA) die mit Allergien und Asthma leben müßen und dazu noch von Ignoranten (die sogar auf wirklich erfundene Luftzug und Kreislauf Krankheiten glauben) gespottet werden dürfen! Ha ha! Ersticken ist so Lustig!

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  8. Every nation has a collective perception of its illnesses. An observant traveller in France will notice an unusual preoccupation with constipation in the advertisements there. And the German fear of circulatory collapse is not universal, I can assure you.

    But the point of this article is surely not to ridicule other people's suffering, however they perceive it.

    I would expect a group of well-educated Germans living in a foreign country to be more culturally relevant.

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